Die Peterskirche in Leipzig

Bild 2. Blick auf den Altar und in den Chor

Wer Leipzig, die alte Messestadt, kennt, der kennt auch die Petersstraße, die seit uralten Zeiten den Markt und den Südausgang der inneren Stadt verbindet und ein Hauptschauplatz der Messe ist. In diesem Südausgang stand bis zum Jahre 1858 das Peterstor, und Tor und Straße erhielten den Namen von der neben dem Tor gelegenen Peterskirche. Noch heute erinnert der dort von der Petersstraße nach dem Neumarkt abzweigende Peterskirchhof daran. Ihr Grundstein, den man 1924 beim Ausschachten in ihrem ehemaligen Grundstücke fand, wird im Stadtgeschichtlichen Museum aufbewahrt und zeigt die Jahreszahl 1507. Doch betrifft das nur die damals erbaute älteste Peterskirche. Eine vorher dort stehende Peterskapelle ist vielleicht die älteste gottesdienstliche Stätte in Leipzig überhaupt. Schon Markgraf Konrad der Große von Wettin (†1156) soll sie erbaut haben, aber das ist unsicher. Bereits die ersten sicheren Nachrichten lassen erkennen, daß die Peterskapelle nur eine untergeordnete Rolle gegenüber St. Nikolai und St. Thomas spielte, von 1213 an als Nebenkapelle der Thomaskirche.

Auch die Reformationszeit, deren Beginn für Leipzig vor 400 Jahren wir 1939 gefeiert haben, brachte der damals noch neuen Peterskirche keine eigene Gemeinde, nahm ihr im Gegenteil, wohl infolge ihrer Lage in den Stadtbefestigungswerken, den geistlichen Charakter völlig und verwandelte die als Staatseigentum in eine Kalkscheune. Erst 200 Jahre später (1711) wurde diese, inzwischen in städtisches Eigentum übergegangen, wieder zu gottesdienstlichem Gebrauch hergerichtet, jedoch ohne Gemeinde gelassen und nur zu Zwecken der Predigt und kirchlichen Unterweisung von jung und alt im Katechismus benutzt. Es hat dann noch bis Oster 1876 gedauert, ehe die Peterskirche Gemeindekirche wurde, weil nunmehr die ungeheure Ausdehnung der Stadt nach Süden dort die Gründung einer neuen Gemeinde nötig machte.

Damit aber war zugleich entschieden, daß die alte Kirche am Rande der Innenstadt wegen ihrer ungünstigen Lage, geringen Grüße und äußerlichen Unansehnlichkeit einem weiter südlich in der eignen Gemeinde liegenden neuen, großen und schönen Bau weichen mußte. Sie hatte nur noch so lange Aushilfsdienste zu tun, bis der Neubau erstanden war. Sie ist deshalb auch gleich nach der Einweihung der neuen Peterskirche (1885) vom Erdboden verschwunden und ihr Grund ist dem Deutschen Reiche verkauft worden, das hier das Reichsbankgebäude errichtete.

Bild 3. Der Turm mit 46 m hohem Turmhelm

War zunächst der ganze Süden Leipzigs von einer Linie an, die damals vom Floßplatz durch die Emilienstraße, Liebigstraße, Nürnberger Straße und Lindenstraße lief, der Peterskirche zugeteilt, so machte das riesige Wachstum der Häuserzeilen mehrfach neue Abgrenzungen nötig. 1890 trat durch Abtrennung der südlichen Hälfte die Andreasparochie als Tochtergemeinde ins Leben, von der dann 1912 wiederum die westlichen Gebiete als Bethlehemgemeinde abgeteilt wurden.

Andererseits ging im Osten alles Gebiet nördlich der Liebigstraße in die 1891 errichtete Johannisgemeinde über. Weitere Teilungspläne der noch immer überaus großen Kirchgemeinde wurden durch den Weltkrieg unausführbar. Heute läuft die südliche Grenze der Gemeinde durch die Körnerstraße und Mahlmannstraße, die westliche durch die Karl-Tauchnitz-Straße, die nördliche durch die Mozartstraße, Albertstraße bis Floßplatz, Münzgasse, Härtelstraße, Windmühlenstraße, Liebigstraße, die östliche Linnéstraße, Kaiser-Maximilian-Straße, Steirer Straße (hinter der Deutschen Bücherei und den Tierkliniken) und dann hinter der Großmarkthalle entlang, so daß auch das Gelände des Bayrischen und des dazu gehörigen Güterbahnhofs mit eingeschlossen ist. Bei dieser Weitläufigkeit kann noch heute ein einheitliches Gemeindebewußtsein schwer gedeihen.

Bild 4. Äußeres der südöstlichen Beichtkapelle

Schon damals viel zu spät wurde also 1876 die Gemeinde selbständig gemacht und erhielt zuerst das neue Pfarrhaus Albertstraße 38 mit drei Pfarrwohnungen. 1878 konnte es im Frühjahr bezogen werden. Dann folgte die neue Peterskirche. Vom Stadtrat wurde dazu das Gelände der früheren sogenannten „Lehmgrube“ zwischen der Albert- und Schletterstraße zur Verfügung gestellt, ein Platz der freilich keinen weiten Blick auf die Kirche gestattet. Trotzdem ging der damalige Kirchenvorstand unter Führung des wegen seiner Tätigkeit als Theologieprofessor und Führer des Gustav Adolf-Vereinswerkes weitbekannte D. Gustav Adolph Fricke mit großem Eifer und weitreichenden Plänen ans Werk. Es sollte ein protestantischer Dom nach den damals neuesten Grundsätzen des Kirchenbaus entstehen. Die Baukosten waren mit 900 000 Mark veranschlagt worden. Die Petersgemeinde war damals noch reich. Die öffentliche Ausschreibung eines Wettbewerbes erbrachte 80 Entwürfe. Keiner von ihnen ist ohne weiteres zur Ausführung gekommen. Einer der besten, von Architekt August Hartel, Krefeld, geliefert, wurde aber mit dem des Baurats Konstantin Lipsius, eines geborenen Leipzigers, verbunden, von dem der Gedanke stammte, den Hauptturm seitlich zu stellen. Durch gemeinsame Arbeit von Hartel und Lipsius entstand der endgültige Entwurf in seiner geschlossenen Einheitlichkeit. Die Seitwärtsstellung des Turmes gerade auf diesen Platz hat es ermöglicht, daß man ihn nicht nur von der Albertstraße, sondern auch von der Carolinenstraße, vom Floßplatz, von einem Teil der Emilienstraße und sogar von der Kurprinzstraße aus gut sehen kann. Mit seinen 88 Metern ist er nächst dem Turm des Neues Rathauses der höchste Turm Leipzigs und namentlich auch in der südöstlichen Umgebung der Stadt weithin sichtbar. Die Ausführung des Baues erfolgte in den Jahren 1882-1885. Am 27. Dezember 1885 konnte die feierliche Einweihung der Kirche erfolgen.

Bild 5. Der Altar (mit Brotbrechen und den vier Evangelisten)

Entsprechend der damals herrschenden Überzeigung von dem richtigen Stil der monumentalen Kirche ist die Peterskirche als gotischer Bau ausgeführt worden. Vorbilder waren dabei in der Hauptsache die frühgotischen Kathedralen Nordfrankreichs. Der Vorbau vor dem Hauptportal ist dem des Regensburger Domes nachgebildet. Wir denken heute über Baustile anders. Auch Kirchenbauten sollen keine Nachahmungen vergangener Zeiten sein. Immerhin wird man sagen dürfen, daß die Nachbildung im gotischen Stile gut gelungen ist. Die Bedürfnisse der Zeit wurden dabei voll berücksichtigt. Man wollte vor allem keine Säulenreihen im Kirchenschiff, wie sie die alten Leipziger Kirchen haben, sondern im Interesse des evangelischen Gottesdienstes möglichste Sichtbarkeit von Altar und Kanzel von allen Plätzen aus. Deshalb wurden die Pfeiler, die das Dach tragen, sehr weit nach den Seiten verschoben und nur schmale Emporen eingebaut. Dadurch ist eine außerordentlich große Spannweite der Kreuzgewölbe über dem Mittelschiff entstanden, die mit 17 m noch die des Kölner Doms um 3 ½ m übertrifft. Die gesamte Breite des Schiffes beträgt fast 25 m, deine Länge fast 39 m. Dazu kommt der Altarplatz mit 17 m Länge und die Vorhalle mit 3 m, so daß man die Gesamtlänge des Kircheninnern mit rund 60 m angeben kann. Die lichte Höhe des Schiffes beträgt in der Mitte 25 m.

So ist der Eindruck einer außergewöhnlichen Weiträumigkeit der Kirche entstanden, die feierlich und domartig wirkt. Durch die buntgemalten Fenster dringt das Licht nur gedämpft ein, so daß man auch hier von der „Kirchen ehrwürdiger Nacht“ sprechen kann. Dazu stimmt auch die in gedeckten Farben gehaltene Ausmalung des Innern. Ein leider sehr stark auftretender Nachteil der Weiträumigkeit ist die laute Echowirkung des gesprochenen Wortes, so daß immer über die schlechte Akustik der Peterskirche geklagt worden ist. Verschiedenes wurde im Laufe der Zeit dagegen versucht, aber ohne vollen Erfolg. Man hing anfangs einen riesigen Teppich unter dem Hauptgewölbe der Kirche auf. Er bewährte sich nicht und wurde 1906 entfernt. An seine Stelle traten drei kunstvoll gearbeitete Kronleuchter, die uns heute unentbehrlich scheinen. Neuerdings (1937) hat man versucht, durch eine Lautsprecheranlage größere Verständlichkeit des gesungenen und gesprochenen Wortes zu erzielen. Das ist technisch gelungen, aber die Schönheit und Heiligkeit des Gottesdienstes hat durch die Mechanisierung des Klanges nicht gewonnen. Deshalb wird die Lautsprecheranlage wenig benutzt. Auch hat sich immer wieder gezeigt, daß die ungünstigen akustischen Wirkungen um so geringer auftreten, je stärker die Kirche von einer andächtigen Gemeinde gefüllt ist.

Platz für eine solche ist genug vorhanden, obwohl die Größe der Kirche mehr erwarten ließe. Die Emporen bieten nur wenige und ungünstige Sitzplätze, je 78 in den Bankreihen und je 40 Stühle. Im Schiff stehen 60 Bänke mit 800 Sitzplätzen, dazu ist Raum für 800 Stühle. Der Altarplatz fasst im Notfall 450 Stühle, auf der Orgelempore haben 300 Sänger Platz. Im höchsten Falle bietet also die Kirche etwa 2580 Sitzplätze. Aus den ersten Jahren nach der Erbauung hört man, die Kirche sei Sonntag für Sonntag gefüllt gewesen. Das berührt uns heute leider fast sagenhaft; denn nur bei außerordentlichen Anlässen ist sie jetzt einmal wirklich gefüllt. Gewöhnlich bietet das Schiff mehr als genug Platz, so daß die Emporen der Benutzung verschlossen sind. Es ist auch wegen der besseren Verständlichkeit des gesprochenen Wortes dringend erwünscht, daß sich die Gottesdienstbesucher nicht überallhin zerstreuen, sondern möglichst in der vorderen Hälfte des Schiffes sich zu einer geschlossenen Gemeinde versammeln. Jede einzelne Bank fasst etwa 14 Kirchgänger. Wenn nach der Zählung von 1936 die Petersgemeinde 26 218 Mitglieder hat, nämlich 9338 männliche und 13198 weibliche und 3682 Kinder unter 10 Jahren, so ist es leider ein sprechendes Zeichen für die Kirchlichkeit weiter Kreise in der Gegenwart, daß jetzt am Sonntag von je 100 Seelen nur 1 bis 2 den Weg zur Kirche finden.

Bild 6. Taufbecken und Kanzel am Erntedankfest

Das Innere unseres Gotteshauses gibt dem Kirchenbesucher von den meisten Plätzen aus den Blick auf den Altar, die Kanzel, das Lesepult und das Taufbecken frei. Zugleich ziehen auch die Glasfenster mit ihren Darstellungen das Auge des Beschauers auf sich. Der Altar besteht aus französischem Kalkstein, die Säulchen, die ihn tragen, und die Tischplatte – aus einem Stück, 2300 kg schwer – sind Nassauischer Marmor. Der Altar trägt die Inschrift: „Ich bin das Brot des Lebens“ (Joh. 6, 48), darüber ist plastisch dargestellt, wie Jesus in Emmaus den beiden Jüngern das Brot bricht. Daneben stehen rechts und links je zwei Evangelisten. Sie bieten uns ja das Brot des Lebens, unsern Herrn und sein Heilswort, in seiner größten Reichhaltigkeit dar. Alles wird von dem Kreuz überragt, das dem Besucher der Kirche schon am Eingang deutlich sichtbar wird. Ein über dem Altarplatz hängender Scheinwerfer, der zum 50. Jubelfest der Kirche beschafft worden ist, taucht den Altar und seine Umgebung bei Bedarf in hellstes Licht.

Die Kanzel, die auf sechs Säulchen ruht und mancherlei steinernen Blattschmuck trägt, besitzt an ihrem feingeschwungenen Aufgang ein kunstvoll geschmiedetes Gitterwerk mit stilisierten Passionsblumen. Ebenso das Lesepult am gegenüberliegenden Fuße des Triumphbogens, das außerdem mit den Sinnbildern der Evangelisten geschmückt ist: Engel (Matthäus), Löwe (Markus) und Stier sind Reliefs an der Außenwand, der Adler des Johannes trägt das eigentliche Pult. Auf ihm liegt dauernd eine riesige alte Lutherbibel, die wie vieles andere im Altarraum eine Stiftung aus der Gemeinde ist. Das Lesepult ist seit dem Weltkriege zugleich Gedenkstätte für die Gefallenen unserer Gemeinde gewesen. Zwei Gedenkkränze hängen darüber, links davon haben in neuerer Zeit einige Fahnen und eine Gedenktafel, von Militärvereinen der Kirche überwiesen, ihren dauernden Platz erhalten. Es gelang ja der Gemeinde erst vor wenigen Jahren, ihren Gefallenen ein würdiges Ehrenmal zu errichten. Das Taufbecken, das aus praktischen Gründen nicht fest in den Altarplatz eingelassen, sondern beweglich gearbeitet ist, besteht durchweg aus Kupfer und Messing, kunstvoll getrieben. Sein Rand zeigt in vier Medaillons sinnbildliche Figuren der Paradiesesströme aus 1. Mose 2 mit den entsprechenden Inschriften: Pison: „Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang“ (Psalm 111,10), Gihon: „Seid mäßig und nüchtern zum Gebet“ (1. Petri 4, 8). Tigris: „Seid stark in dem Herrn“ (Eph. 6, 10). Euphrat: „Der Herr hat mich angezogen mit Kleidern des Heils“ (Jes. 61, 10).

Bild 7. Blick über das Schiff auf den Orgelchor

Die Glasfenster der Kirche sind nach einem einheitlichen Plane von den Glasmalern Hertel und Lersch in Düsseldorf entworfen und hergestellt worden. Mehrere ganze Fenster wurden von Gemeindemitgliedern gestiftet, fast 13 000 Mark ergab eine Sammlung freiwilliger Spenden dafür. Die Gesamtkosten betrugen reichlich 27 000 Mark. Eine Peterskirche mußte als Hauptbild, das, über dem Altar angebracht, alle Blicke auf sich zieht, eine Petrusgeschichte haben. Doch aber entspricht es evangelischem Denken, daß auch dabei die himmlische Erscheinung Jesu Christi im Mittelpunkt steht. Beides vereinigt die Geschichte von der Verklärung Jesu (Matth. 17) aufs beste. In der oberen Hälfte des Bildes steht der verklärte Heiland zwischen Moses und Elias auf den Wolken des Himmels, in der unteren Hälfte sitzen Petrus, Jakobus und Johannes, in die überirdische Schau versunken. Petrus redet verzückt. Daß die christliche Kirche erbaut ist auf dem Grunde der Apostel und Propheten, bringen die Fenster zu beiden Seiten zum Ausdruck. Links stehen Paulus, Petrus, Johannes und Jakobus, rechts Jesaja, Jeremia, Hesekiel und Daniel. Die je acht Hauptfenster des Kirchenschiffes machen das Wort Gottes Alten Testaments (auf der Kanzelseite) und Neuen Testaments (auf der Lesepultseite) lebendig. Die Reihe beginnt auf beiden Seiten am Orgelchor und die einander gegenüberstehenden Fenster entsprechen sich inhaltlich. Man darf wohl auf die geistige Urheberschaft des damaligen Pfarrers D. Fricke bei der Auswahl der Bilder raten.

Der ersten Verheißung des kommenden Erlösers an das erste Menschenpaar und die Schlange im Paradiese (1. Mose 3, 15) gegenüber steht die Verkündigung der Geburt dieses Erlösers an seine Mutter Maria (Luk. 1, 30-33). Der Verheißung reichen Gottessegens für alle Welt durch seine Nachkommenschaft an Abraham (1. Mose 12, 2-3 und 15, 5-6) entspricht die Geburt des Heilandes in der Stadt Davids (Luk. 2, 10-11). Schlägt Mose auf Gottes Geheiß für das verdurstende Volk in der Wüste Wasser aus dem Felsen (2. Mose 17, 5-6), so verwandelt Jesus auf der Hochzeit zu Kana Wasser in Wein (Joh. 2, 7-10). Wie Gott schon in alter Zeit den Knaben Samuel in seinen Dienst berief (1. Sam. 3, 4), so ruft Jesus die Kinder zu sich und segnet sie (Mark 10, 13). Dem Seelenkampf Davids auf seiner Flucht vor seinem Sohn Absalom (2. Sam. 15, 30) entspricht der Seelenkampf unseres Herrn in Gethsemane (Matth. 26, 39). Hiob, in der Asche sitzend, von seinen Freunden umgeben, hofft auf die Auferstehung aus dem Tode (Hiob 2, 11 und 19, 25) – Jesus aber in den Todesstaub gesunken und von seinen Freunden in das Grab gelegt, verwirklicht als Erster solche Auferstehung (Joh. 19, 40). Überwindung des Todes schenkt der Prophet Elia in Gottes Kraft dem Sohn der Witwe Sarepta (1. Kön. 17, 21-22) – als Todesüberwinder tritt Jesu in den Kreis seiner Jünger mit Thomas (Joh. 20, 26). Die Grundsteinlegung des neuen Tempels zu Jerusalem nach der Gefangenschaft (Esra 3, 10-11) wird weit überboten durch die Gründung der christlichen Kirche zu Pfingsten (Ap-Gesch. 2, 1-4). An der Rückwand der Kirche ist, durch die Orgel fast verdeckt, eine Rosette angebracht, die in der Mitte den König David mit der Harfe, in acht kleineren Rundfenstern ringsum musizierende Engel zeigt. Neben der Orgel enthalten zwei Glasfenster rechts die Gestalten von Luther und Melanchthon, links die Kurfürsten Johann den Beständigen und Johann Friedrich den Großmütigen. Nur vom Altarplatz aus gelegentlich sichtbar ist eine Rosette unter dem Turm, die den Engel mit dem ewigen Evangelium (Offb. Joh. 14,6) darstellt. So leiten die Glasfenster die Andacht des Beschauers von den grauen Vorzeiten und den Anfängen menschlichen Gottesdienstes bis zu dem Höhepunkt des Glaubenslebens, Jesus Christus, und von da über Luthers Reformation, den Höhepunkt deutschen Glaubenslebens, bis in die ewige Welt des Himmels.

Bild 8. Ehrenmal für die Gefallenen des Weltkrieges.

Auch die Orgel will dazu auf ihre Weise helfen. Sie kann den Kirchenraum mit den süßen Tönen der Flöten wie mit dem gewaltigen Brausen ihrer starken Register erfüllen, Menschenherzen zu trösten und zu schrecken. Sie besitzt für ihren Dienst drei Manuale und ein Pedal und vermag in 60 klingenden Registern etwa 6000 Pfeifen zum Tönen zu bringen. Ihr kunstvoller Prospekt zeigt 120 bis 130 große und kleine Metallpfeifen. Sie ist ein Werk der Firma Sauer in Frankfurt a. d. O.

Mit Nebenräumen ist die Peterskirche für die Begriffe der damaligen Zeit reich ausgestattet worden. Vier Kapellen umgeben ihren Altarraum. Sie dienen der Abhaltung von Bibelstunden, Konfirmandenstunden, Sitzungen, Übungsabenden u. ä., die größte von ihnen, die über 100 Sitzplätze har, die Südkapelle, auch für Taufen und gelegentlich Trauungen. Alle Kapellen sind deshalb mit einem Altar ausgestattet, die Südkapelle auch mit einer kleinen Orgel von der Firma Sauer, Frankfurt a. d. O. Außerdem schmücken die Südkapelle vier Wandgemälde, Jesu Taufe, Jesu Salbung in Bethanien, der verlorene Sohn und Pharisäer und Zöllner im Tempel. Zwei Pfarrerzimmer sind auf der einen, drei Kanzleiräume auf der anderen Seite an die Südkapelle angefügt. In den Kanzleiräumen werden auch die heute für Abstammungsnachweise so vielbegehrten Kirchenbücher aufbewahrt und bearbeitet. Sie beginnen erst im Jahre 1876. (Wer über frühere Zeiten Bescheid haben will, muß sich an des Kirchenbuchamt Burgstraße 1-5 wenden.)

Das Äußere der Kirche schmückt am vordersten Pfeiler der Vorhalle jetzt das Ehrenmal, das die Gemeinde ihren gefallenen 1400 Söhnen gewidmet hat. Es ist von dem Leipziger Bildhauer Alfred Brumme geschaffen. Die Weihe erfolgte am Totensonntag 1937. Für Gedenkkränze sind in der Vorhalle dahinter zwei steinerne Haken angebracht. Über der Vorhalle stehen oben kurz unter dem Giebel sieben Figuren: In der Mitte Christus mit der Weltkugel in der Hand auf einer gefesselten Teufelsfigur, auf seiner linken Seite der Glaubensheld Abraham, der Überbringer der Gebote Gottes Moses und der letzte Prophet des alten Bundes Maleachi, rechts Johannes, Petrus und Paulus, die drei größten des Neues Testaments. Alle diese Steinfiguren sind nach Modellen des Kölner Künstlers Joseph Racke von dem Aachener Meister Peter Horst geschaffen worden, von dem auch die Bildhauerarbeiten an Altar und Lesepult stammen. In eigenartigem Gegensatz dazu stehen die wasserspeienden Drachen am Turm und die an der Rückseite der Kirche auf hohem Postament sitzenden Riesenhunde (Offb. Joh. 22, 15), die, Sinnbilder dämonischer Mächte, schon manchen Spott herausgefordert haben, aber auch an mittelalterlichen Bauten zu finden sind. 

Noch einmal tritt uns der Turm in seiner ganzen Mächtigkeit vor Augen. Er ruht in der Erde auf einem massiven Mauerklotz von 15 m Breite, 15 m Länge und 4 ½ m Höhe. Er streckt sich bis zu dem Umgang unter der Uhr 42 m empor und trägt in seinem Innern den besonderen Stolz der Peterskirche, unsere 4 Glocken, deren A-Dur-Geläut einen solchen Klangwert hat, daß sie Glocken 1917 von der Ablieferung für Kriegszwecke verschont blieben. Sie stammen aus der ehemaligen Leipziger Glockengießerei Jauck und wiegen 2589, 1304, 781 und 339 kg. Von dem Umgang aus genießt man einen weiten Blick über die Dächer der Stadt auf alle hervorragenden Bauten nah und fern bis hin zur Hohburger Schweiz und dem Oschatzer Collmberg. Aus nächster Nähe sieht man die riesigen Zifferblätter der Uhr und neben der Westtür die Einschläge von Gewehrgeschossen aus den unglücklichen Tagen des Bürgerkrieges in Leipzig 1920. Der Turmhelm vom Sims des Umgangs an mißt nochmals 46 m und wird von einer Kreuzblume bekrönt, die 5 ½ m hoch und 15 000 kg schwer ist. Zu ihrer einsamen Höhe steigen nur die auf dem Turm seit Jahren nistenden Turmfalken empor. Leider machte das schnell verwitternde Sandsteinmaterial schon nach 50 Jahren eine eingehende Ausbesserung des Turmes nötig, um das Herabstürzen von Steinen auf die belebte Albertstraße zu verhüten. Der ganze Turm mußte mit einem Holzgerüst umgeben werden, das in seiner Mächtigkeit eine Sehenswürdigkeit bildete. Die Wiederherstellung erfolgte 1933-34. So konnte die Peterskirche ohne Sorgen um ihren baulichen Zustand 1935 das fest ihres 50jährigen Bestehens feiern.

Es soll auch weiter ihre Heilige Aufgabe bleiben, den Menschen, die in den Straßen ringsum wohnen, durch ihre ragende Gestalt und durch den Klang ihrer Glocken zuzurufen: „Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.“

Bild 9. Grundriß der Peterskirche

Pfarrer Lic. Georg Walther

Schrifttum: Lic. Dr. Bruno Hartung, Die alte und die neue Peterskirche in Leipzig, Leipzig 1885. Fröhlich, Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen der neuen Peterskirche in Leipzig. 1935. – Lic. Rietschel, Die Peterskirche zu Leipzig, 8 Tiefdruckbilder nach Aufnahmen von E.H Schulze mit Geleitwort.

Herkunft der Bilder. Bild 1: K. Cramer, Leipzig. Bild 2, 3, 4, 5, 7, 8: Rüdiger Alberti, Leipzig. Bild 6: Irma Brandt, Leipzig.

Die Schriftenreihe „Die schöne deutsche Kirche“ umfaßt die Reihen A (Sachsen), B (Provinz Sachsen und Anhalt), C (Schlesien), D (Württemberg), E (Ostpreußen), F (Berlin und Provin Brandenburg), G (Bayern), H (Hannover), K (Schleswig-Holstein). L (Pfalz) und weiter Gebiete Deutschlands. In diesen Reihen erscheinen fortlaufend weitere Hefte. Bezug der Gesamtreihe auch im Abonnement (4 Hefte zu RM. 1.-).

Die schöne deutsche Kirche
Kleine Führer durch deutsche evangelische Kirchen
Reiche A (Sachsen)
Heftnummer 24

Verlag Kunst und Kirche, Berlin W 62
Druck Emil Herrmann senior in Leipzig

Die Peterskirche in Leipzig
von Pfarrer Lic. Georg Walther


in: Die schöne deutsche Kirche
Kleine Führer durch deutsche evangelische Kirchen
Reihe A (Sachsen)
Heftnummer 24 

1939
Verlag Kunst und Kirche, Berlin W 62
Druck Emil Herrmann senior in Leipzig