Die Peterskirche zu Leipzig

Peterskirche Leipzig - Blick von der Südempore

Im Unterschiede von den ehrwürdigen Kirchen der inneren Stadt Leipzig hat die Peterskirche keine bemerkenswerte Geschichte. Ist sie doch erst in den Jahren 1882 – 1885 erbaut worden, und zwar auf Grund eines Preisausschreibens, zu dem nicht weniger als 80 Entwürfe eingegangen waren, von den Architekten Hartel und Lipsius.

Ihren Namen hat die Kirche von der alten Peterskirche übernommen, die, zur Thomasgemeinde gehörig, lange als Predigtkirche gedient hatte, aber unmittelbar nach Errichtung ihrer Nachfolgerin abgebrochen wurde. Noch erinnert an die alte Kirche der Name Petersstraße, an deren Ausgang, dicht hinter dem gleichfalls der neuen Zeit zum Opfer gefallenen Peterstore, sie stand. Sie war keine Zierde ihrer Umgebung, sondern ein durch Um- und Anbauten arg verunstaltetes Gebäude, das den kirchlichen Bedürfnissen des sich stark ausdehnenden südlichen Stadtteils immer weniger entsprach.

Peterskirche Leipzig - Blick vom Altarraum

Bei Ausschachtungsarbeiten im Hofe des später dort errichteten Reichsbankgebäudes hat man im Jahre 1924 ihren Grundstein gefunden, der jetzt im Stadtgeschichtlichen Museum zu sehen ist. Er nennt 1507 als das Jahr, in dem sie an der Stelle einer alten, vielleicht sogar bis ins 11. Jahrhundert zurückreichenden Kapelle erbaut worden ist.

Die neue Kirche ist in einer Zeit entstanden, in der man fast durchweg den überlieferten gotischen Stil als den für kirchliche Neubauten allein in Frage kommenden ansah. Die edlen Formen der Frühgotik, wie sie namentlich bei den großen Kathedralen Nordfrankreichs sich finden, haben ebenso für den Gesamtaufbau wie für die Gestaltung der Einzelheiten die Vorbilder abgegeben. So ist ein Gotteshaus entstanden, dem man zwar nicht ganz mit Unrecht einen gewissen Mangel an schöpferischen neuen Gedanken vorgeworfen hat, das man aber doch einen durchaus würdigen und schönen gotischen Musterbau nennen darf.

Peterskirche Leipzig - Altar

Immerhin entbehrt die Kirche trotz der starken Anlehnung an alte Formen nicht eigenartiger Züge. Die seitliche Stellung des Turmes, veranlaßt durch die Lage der Kirche an der verkehrsreichen Albertstraße und das Fehlen eines größeren Vorplatzes, ist hier besonders bemerkenswert. Aber auch im Innern unterscheidet sich die Kirche durch das Fehlen aller freistehenden Pfeiler und die dadurch bewirkte mächtige Breite des Mittelschiffes von den allermeisten der zu jener Zeit in Langhausform gebauten gotischen Großstadtkirchen. Die Spannweite von 17 Metern zwischen den Gurtbögen des Mittelgewölbes ist sogar damals auf deutschem Boden völlig einzigartig gewesen und nur von einigen alten französischen Kirchen übertroffen worden, während selbst der Kölner Dom in seinem Mittelschiff um annähernd 3½ Meter dahinter zurückbleibt. Dadurch wird ein außerordentlich starker monumentaler Eindruck erzielt, dessen Kehrseite freilich eine Beeinträchtigung der Akustik ist.

Ein reicher Kapellenkranz mit Räumen für Beicht- und Taufhandlungen, für Sitzungen und für Arbeit der Kirchenkanzlei zieht sich um die Chorseite der Kirche herum. Bei weitem am reichsten ausgestattet, auch mit einer eigenen Orgel und Wandgemälden, die Jesu Taufe und Salbung in Bethanien und die Gleichnisse vom verlorenen Sohn und vom Pharisäer und Zöllner darstellen, ist die Südkapelle. Aber auch die übrigen einfacher gehaltenen Räume sind ebenso würdig wie zweckentsprechend.

Peterskirche Leipzig - Kanzel

Von figürlichem Schmuck ist am Äußeren der Kirche vor allem die Figurenreihe zu nennen, die sich an der vorderen Giebelfront über dem dreieckigen, nach dem Vorbilde des Regensburger Domes geschaffenen Vorbau und dem großen runden Fenster findet. In ihrer Mitte sehen wir Jesus, die Weltkugel in der Hand haltend und auf einer gefesselten Teufelsfigur stehend, zu seiner Linken Abraham, Moses und Maleachi als Vertreter des Alten und zu seiner Rechten Johannes, Paulus und Petrus als Vertreter des Neuen Testaments. Hoch oben auf der Spitze des Giebels steht eine segnende Engelsgestalt. Dazu kommen weiter an der Turmgalerie und an der Rückseite der Kirche eigenartige groteske Tiergestalten nach dem Muster mittelalterlicher Dome.

Im Innern bildet einen Hauptschmuck der mit Bildhauerarbeit reich gezierte Altar, dessen Mittelbild den das Brot brechenden Heiland mit den beiden Jüngern von Emmaus zeigt. Zu beiden Seiten sind die Bilder der vier Evangelisten, die in anderer Darstellung auch am Lesepult wiederkehren. Die Kanzel, bei der auch die schöne Metallarbeit an dem Geländer der zu ihr führenden Treppe beachtenswert ist, zeigt mehr ornamentalen Schmuck. Der Taufstein ist kunstvoll aus Metall gearbeitet und so eingerichtet, daß er von der Stelle bewegt werden kann.

Peterskirche Leipzig - Orgel

Da die Kirche wegen der Zahl und Größe ihrer Fenster nur wenige freie Wandflächen hat, sind figürliche Wandmalereien spärlich vertreten. Sie finden sich nur in den Ecken über Kanzel und Lesepult und stellen Engel dar, die Spruchbänder mit den Seligpreisungen der Bergpredigt in den Händen halten. Doch ist sonst durchweg der Kirchenraum einschließlich der vielen schlanken Säulen der die Pfeiler ersetzenden Säulenbündel und der aus den Säulen herauswachsenden Gewölberippen in fein abgestimmten Farben ornamental ausgemalt.

Überaus eindrucksvoll wirken auf den Beschauer gleich beim Eintritt die Glasgemälde auf den eng aneinander liegenden gewaltigen Fenstern. Ein umfangreicher Ausschnitt aus der heiligen Geschichte ist hier der Gemeinde vor Augen geführt, und in feinsinniger Weise sind dabei Altes und Neues Testament zueinander in Beziehung gesetzt. Über dem Altare findet sich beides zusammen in dem Bilde der Verklärung, wo die Lichtgestalt Jesu, umgeben von Moses und Elias, über den Jüngern schwebt. Zur linken Seite sehen wir auf den Seitenfenstern des Altarraumes vier Propheten, Jesaia, Jeremia, Hesekiel und Daniel, zur rechten Seite vier Apostel, Paulus, Petrus, Johannes und Jakobus.

Peterskirche Leipzig - Südkapelle

Auf der Seite der Propheten ziehen sich durch die ganze Länge der Kirche hindurch Darstellungen aus dem Alten Testament; es sind, vom Haupteingang aus gerechnet: Die Austreibung aus dem Paradiese, die Verheißung an Abraham, der Wasser aus dem Felsen schlagende Moses, Samuels Berufung, Davids Flucht vor Absalom, Hiob mit seinen Freunden, der den Sohn der Witwe von Zarpath erweckende Elias und die Grundsteinlegung des Tempels. Die Fenster auf der anderen Seite zeigen dagegen neutestamentliche Bilder, deren jedes dem gegenüberliegenden in irgendeiner Weise entspricht: Maria mit dem Engel der Verkündigung, die Geburt Jesu, die Hochzeit zu Kana, die Segnung der Kinder durch Jesus, Jesus in Gethsemane, Jesu Grablegung, die Erscheinung des Auferstandenen vor seinen Jüngern und die Gründung der christlichen Kirche. Die schönen Bilder von David und musizierenden Engeln auf dem Fenster über dem Hauptportal werden leider zum größten Teile durch die davor befindliche Orgel verdeckt.

Peterskirche Leipzig - Blick vom Turm

Die große, auch durch einen wirkungsvollen Prospekt ausgezeichnete Orgel mit 60 klingenden Stimmen und drei Manualen ist, ebenso wie die kleine Orgel der Südkapelle, ein Werk des bekannten Orgelbauers Sauer in Frankfurt a. O. Das Geläut der Peterskirche ist als eins der schönsten der Stadt anerkannt. Aus diesem Grunde sind auch die vier Glocken, die in dem 88 Meter hohen Turm angebracht sind, der Kirche belassen worden, als fast alle anderen Kirchen die ihrigen abliefern mußten. Es sind vier Glocken im Gewichte von 1568, 1304, 781 und 339 kg, aus der Glockengießerei von Jauck in Leipzig, auf den A-Dur-Akkord gestimmt.

Die zu der Kirche gehörende Petersgemeinde ist, obwohl sie i. J. 1890 ihren Südteil als neue um die Andreaskirche sich scharende Gemeinde abgezweigt hat, noch immer die zweitgrößte Gemeinde Leipzigs, einschließlich der eingemeindeten Vororte. Zu ihr gehören etwa 32000 Seelen, die von fünf Geistlichen bedient werden. Möge der Gemeinde, die wie jede Großstadtgemeinde mit den kirchenfeindlichen Strömungen der Gegenwart zu kämpfen hat, ihr schönes Gotteshaus immer lieber und werter werden, aber möge sie auch immer mehr das Petruswort beherzigen: „Ihr, als die lebendigen Steine, bauet euch zum geistlichen Hause und heiligem Priestertum, zu opfern geistliche Opfer, die Gott angenehm sind durch Jesus Christus!“

Peterskirche Leipzig - Gesamtbild

Die Peterskirche zu Leipzig.
8 Tiefdruckbilder nach Aufnahmen von Ernst Hugo Schulze,
mit einem Geleitwort von Pfarrer Lic. Rietschel.
Leipzig

Dr. Johannes Ernst Rietschel 

um 1927