Zeitschrift für Instrumentenbau, 1. Januar 1886 (No. 10, S. 115f)

Die grosse Kirchen- und Concert-Orgel in der neuen Peterskirche zu Leipzig. Dieses Werk wurde vom Königl. Preuss. Hof-Orgelbauer Wilhelm Sauer in Frankfurt a. Oder erbaut und hat auf 3 Manualen (C-f’’’) und 1 Pedal (C-f) folgende Stimmen:

I. Manual. Principal 16’, Bordun 16’, Bombarde 16’, Principal 8’, Flûte harmonique 8’, Gamba 8’, Gedact 8’, Gemshorn 8’, Trompete 8’, Nassard 5 1/3’, Octave 4’, Rohrflöte 4’, Gemshorn 4’, Quinte 2 2/3’, Octave 2’, Mixtur 3-fach, Scharf 5-fach, Cornett 5-fach

II. Manual. Salicional 16’, Gedact 16’, Principal 8’, Rohrflöte 8’, Harmonika 8’, Salicional 8’, Quintatön 8’, Clarinette 8’, Octave 4’, Flauto dolce 4’, Quinte 2 2/3’, Octave 2’, Mixtur 4-fach, Cornett 3-fach
III. Manual. Gamba 16’, Lieblich Gedact 16’, Principal 8’, Gedact 8’, Concertflöte 8’, Aeoline 8’, Voix céleste 8’, Vox humana 8’, Fugar 4’, Traversflöte 4’, Gemshornquinte 2 2/3’, Flautino 2’

Pedal. Majorbass 32’, Principal 16’, Violon 16’, Subbass 16’, Lieblich Gedact 16’, Posaune 16’, Fagott 16’, Gross-Nassard 10 2/3’, Principal 8’, Bassflöte 8’, Violoncello 8’, Dulciana 8’, Quintatön 8’, Trompete 8’, Octave 4’, Clairon 4’

Mechanische Vorrichtungen. (1) Manualcoppel II. (2) Clavier zum I. Clavier, (3) Manualcoppel III. Clavier zum II. Clavier, (4) Pedalcoppel I. Clavier zum Pedal, (5) Pedalcoppel II. Clavier zum Pedal, (6) Pedalcoppel III. Clavier zum Pedal, (7) Collectivpedal für sämmtliche Coppeln, Combinationspedal zum Erklingen beliebiger Register oder Gruppen in allen Clavieren (Patent Sauer)

Ueber jedem der 60 Registerzüge befindet sich ein Elfenbeinstäbchen, durch welches jedes Register ebenfalls angezogen werden kann. Es ist also eine doppelte Registrirung möglich: durch die Registerzüge oder durch die Elfenbeinstäbchen. Bei ersteren erfolgt die Klangwirkung sofort, bei letzteren erst dann, wenn das Combinationspedal angetreten ist. Das Hinzuziehen neuer oder das Abstossen schon gezogener Stäbchen stört den Mechanismus in keiner Weise; wird aber der Combinationspedaltritt ausgelöst, so bleibt die erste durch die Registerzüge bewerkstelligte Mischung in Wirksamkeit. Damit nun aber für jedes Clavier sofort die entsprechende Stärke im Pedal erzielt werden kann, hat Herr Sauer

(8) einen Rollschweller nebst Stimmenzähler für sämmtliche Pedalstimmen angebracht, durch welchen in kürzester Frist die jeder Manual-Registrirung entsprechenden Pedalstimmen angezogen werden. Diesen Schweller wendet Herr Sauer hier zum ersten Male an und ist diese Einrichtung wohl noch nirgends vorzufinden.
(9) Collectivschweller für das ganze Werk, von der zartesten Stimme gradatine zur vollen Tonstärke über, und so auch wieder zurückkehrend, mit einem Stimmenzähler, der die jedesmalige Tonstärke in welcher man auch beliebig verweilen kann, auf eine – ebenfalls wie der Stimmenzähler von Nr. 8 – über dem III. Manual angebrachte Zifferblatte markirt. Dieser Rollschweller kann auch von der rechten Seite des Spielers aus durch eine zweite Person in Thätigkeit gesetzt werden.
(10) Collectivpedal zum Forte in Manual I, II u. Pedal 
(11) Collectivpedal zum Fortissime in allen Clavieren mit Ausschluss aller Rohrwerke 
(12) Collectivpedal für sämmtliche Rohrwerke. 
(13) Schweller für das III. Manual, bestehend aus einem das ganze Manual umschliessenden Gehäuse mit Thüren und verticale Jalousien 
(14) Schweller für Vox humana 
(15) Tremulo für Vox humana

Sämmtliche aufgeführten Vorrichtungen sind durch über der Pedalclaviatur angebrachte und mit Ueberschriften versehene Tritte resp. Rollen leicht und präcis zu regieren.

Das Gebläse besteht aus 4 Magazinen, welche den Wind durch 6 Schöpfbälge erhalten. Die Tretvorrichtung ist wechselseitig und für 3 Bälgetreter eingerichtet, doch genügen in den meisten Fällen deren zwei. Die Windladen enthalten 60 Registerkanzellen mit Kegelventilen ohne Federdruck nach eigener Construction des Erbauers.

Jedes Clavier, auch das Pedal und die Coppelungen, sind mit aus Eichenholz gefertigten pneumatischen Maschinen versehen, ebenso haben die Registerzüge Pneumatik erhalten. Die Spielart ist dadurch auf allen Clavieren, auch bei gekoppelten, eine stets gleiche. Die Registerzüge sind auf beiden Seiten der Claviaturen terrassenförmig in 4 Reihen angelegt und gehören von unten nach oben gezählt dem Pedal, I., II. und III. Manual an. Diese Anlage würde auch blinden Organisten ermöglichen, sich sofort zurechtzufinden. 
Im Prospect, welcher wegen seiner bedeutenden Breite und Höhe einen gewaltigen Eindruck macht, stehen Principal 16’ und Principal 8’ aus dem Pedal, und Principal 16’ und Principal 8’ aus dem I. Manual.

Der innere Bau ist äusserst practisch angelegt; durch eine Treppe gelangt man in gleicher Höhe zum Pfeifenwerk, das, mit Ausnahme weniger tiefer stehenden Pedalstimmen, durchweg in gleicher Höhe steht und zwar findet man hinter dem Prospect das Pedal und I. Manual, nach diesen II. u. III. Manual. Sämmtliche Zungenstimmen sind behufs etwaiger Nachstimmung bequem zu erreichen.
Das Urtheil der vom Peterskirchenvorstande mit der Abnahme des Werkes, wie auch früher schon mit der Begutachtung der eingeforderten Concurrenzpläne beauftragten Sachverständigen, der Herren Universitäts-Musikdirector Prof. Dr. Langer, Thomaskantor Prof. Dr. Rust und Organist Stiller von der Peterskirche lautet dahin:

Die grosse Sauer’sche Orgel in der neuen Peterskirche zu Leipzig ist ein Meisterwerk allerersten Ranges. Die Intonation der einzelnen Stimmen ist vortrefflich und durchaus deren Charakter entsprechend, die Wirkung des vollen Werkes überwältigend. Die Spielart ist eine angenehme, die mechanischen Vorrichtungen wirken sicher und präcis. Das verwendete Material ist von vorzüglicher Güte, der Kostenpreis des Werkes hält sich in relativer wie in positiver Hinsicht in durchaus annehmbaren Schranken.

Und ein Meister, den sein Werk, wie in vorliegendem Falle im eminentesten Sinne des Wortes selbst lobt, bedarf weiterer Empfehlung nicht.

Ueberall, wohin die Kritik ihren Blick wendet, zeigt die geniale Ausführung den hochintelligenten Künstler und wir wissen aus Erfahrung, dass Herr Sauer stets bereit ist, allen subjectiven Wünschen, sobald sie nur sachlich und ausführbar sind, bereitwilligst entgegenzukommen.

Zum Schluss ist noch hinzuzufügen, dass viele Sachverständige, unter diesen der Director des Königl. Instituts für Kirchenmusik in Berlin, Hr. Prof. Haupt, sich ebenfalls höchst belobigend über das Werk geäussert haben, sowie, dass der Kirchenvorstand der hiesigen Thomaskirche nach Anhörung der Peterskirchen-Orgel Herrn Sauer den Bau der neuen Orgel mit 63 Stimmen für die Thomaskirche übertragen hat.


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