Deutsche Bauzeitung, 16. September 1882 (No. 74, S. 433ff.)

Die neue Petrikirche in Leipzig. 

Sonntag den 17. September d. J. wird zu Leipzig unter den entsprechenden Feierlichkeiten der Grundstein zu der neuen Petrikirche auf dem Schletterplatz verlegt werden, an deren Ausführung bereits seit mehren Monaten rüstig gearbeitet wird, und wir benützen gern diese Veranlassung, um den deutschen Architekten die Abbildungen eines Bauwerks vorzuführen, das in seiner Vollendung nicht nur die erste Stelle unter allen Gotteshäusern Leipzigs einnehmen, sondern auch zu den bedeutendsten Kirchenbauten der Neuzeit in ganz Deutschland gehören wird.

Unsere Leser. wissen aus früheren Mittheilungen d. Bl., dass der Bau eine verhältnissmäßig lange Vorgeschichte hat. Es sind mehr als 5 Jahre verflossen, seitdem für den Entwurf desselben eine allgemeine Konkurrenz ausgeschrieben wurde, an der nicht weniger als 80 deutsche und österreichische Architekten sich betheiligten. Die durch den Rücktritt von zwei der ursprünglich ausersehenen Preisrichter bis in den April 1878 verzögerte Entscheidung der Konkurrenz fiel zu gunsten der von den Architekten Giese & Weidner in Dresden, A. Hartel in Krefeld und H. Grisebach in Wiesbaden eingelieferten Arbeiten aus. -

Die Kirchengemeinde wählte jedoch keine derselben zur Ausführung, sondern ertheilte dem Verfasser des mit dem zweiten Preise gekrönten Projekts, Hrn. A. Hartel, den Auftrag, in Gemeinschaft mit einem gleichfalls an der Konkurrenz betheiligt gewesenen Leipziger Architekten, Baurath C. Lipsius, einen neuen Entwurf aufzustellen; Ausgangspunkt dieses im frühgothischen Stil durchgeführten Projekts war: (Eine Publikation des Entwurfs ist in No. 27, Jahrg. 79 der Deutschen Bauzeitung erfolgt.)die von Hartel angegebene, von den Preisrichtern als besonders gelungen anerkannte Lösung der im Programm geforderten zentralen Grundriss-Anlage mit der von Lipsius vorgeschlagenen, dem Bauplatz angemessenen Stellung des Hauptthurmes auf der Nordseite der Kirche zu vereinigen. -

Aber auch diese Arbeit hatte zunächst keinen thatsächlichen Erfolg; von dem Kirchen-Vorstande gebilligt, wurde sie von dem Rathe der Stadt Leipzig beanstandet und in Folge dessen der eingehenden Beurtheilung dreier hervor ragender Fachmänner, der Hrn. Ober-Bauräthe Prof. Fr. Schmidt und Frhr. v. Ferstel in Wien, sowie des Hrn. Brth. Prof. Hase in Hannover, unterbreitet, deren gutachtliche Aeußerungen aufs wesentlichste von einander abwichen. -

Erst die weiteren Versuche und Studien jener beiden mittlerweile zu einer Firma vereinigten Architekten haben im Verfolge einer von Hrn. Ober-Baurath Fr. Schmidt gegebenen dankenswerthen Anregung - endlich zu einer Lösung geführt, welche die Billigung aller betheiligten und zu Rath gezogenen Instanzen gefunden hat. Auf Grund dieses im Jahre 1881 speziell durchgearbeiteten Entwurfs ist sodann den Hrn. Hartel & Lipsius in Leipzig-Dresden die Ausführung desselben unter der erschwerenden und ungewöhnlichen Bedingung übertragen worden, dass sie für die Vollendung des Kirchenbaues bis Ende des Jahres 1885 und für Einhaltung eines Maximal-Kostenbetrages von 900000 M. sich haben haftbar machen müssen. –

Ein Vergleich des auf S. 437 mitgetheilten neuen Grundrisses mit dem jenes älteren Entwurfs der beiden Architekten zeigt dass beide in engem Zusammenhange stehen. Die Stellung des Hauptthurms und die allgemeine Anordnung des (um eine Axe verkürzten) Altarhauses mit seinen zahlreichen Nebenräumen sind beibehalten. Auf die zentrale Anordnung der Kirchenschiffe - also allerdings gerade auf jenes Moment; das den Kern der einst zur Konkurrenz gestellten Aufgabe bildete und dessen glückliche Lösung dem Hartel'schen Entwurf einen Preis verschafft hatte - ist dagegen Verzicht geleistet worden.

An Stelle einer Vierung mit schmalem Quer- und Langhaus ist ein einziges Langhaus getreten, dessen Mittelschiff die volle lichte Breite des früheren Vierungsraumes, d. i. nicht weniger als 17 m, erhalten hat. Die Petrikirche zu Leipzig wird damit in die Reihe der weiträumigsten überhaupt vorhandenen Kirchengebäude treten; die Weite ihres Mittelschiffs wird unter den deutschen Langhaus-Kirchen u. W. nur von einigen. Renaissance-Bauten, der Michaelskirche in München mit 21,5 m, der Kreuzkirche in Dresden mit 20 m und der katholischen Hofkirche in Dresden mit 17,5 m l. W., übertroffen, während unter den größten mittelalterlichen Bauten unseres Vaterlandes der Dom zu Mainz nur 15,5 m, die Münster zu Straßburg und Ulm 15 m, die Dome zu Speier und Köln gar nur 13,9 m bezw. 13,8 m l. W. des Mittelschiffs zeigen.

(Die beträchtliche absolute Grösse des Bauwerks im Vergleich zu anderen neuen Kirchen wird unsern Lesern schon durch die Grösse des Grundrissbildes auffallen, das in dem gleichen Maassstabe (1: 333) dargestellt ist, wie er bei den übrigen von uns in den letzten Jahren publizirten Kirchenbauten - der Bergkirche in Wiesbaden im Jahrg. 79, dem Umbau der Jerusalems-Kirche in Berlin und der kath. Marien-Kirche zu Stuttgart Im Jahrg. 80 und der Dankeskirche in Berlin Im Jahrgang 82 d. Bl. - angewendet wurde. (Die Red.))

Einer eingehenden Beschreibung der Anlage wird es im übrigen mit Rücksicht auf die mitgetheilten ausführlichen Zeichnungen kaum bedürfen. Der Querschnitt entspricht dem für die hervor ragendsten evangelischen Kirchenbauten der jüngsten Zeit fast allgemein angenommenen, für eine ökonomische Ausführung besonders günstigen System: die schmalen, nur zu Umgängen bezw. zur Anlage weniger Sitzreihen auf den Emporen ausgenutzten Seitenschiffe als Widerlager des überhöhten Mittelschiffs anzuordnen. An der Westseite ist eine geräumige, für etwa 200 Sänger und Musiker Raum gewährende Orgel-Empore angelegt, unter welcher – durch ein dem Regensburger Motive nachgebildetes Portal zugänglich - die Hauptvorhalle mit den Eingängen zu den Emporentreppen sich befindet.

Zwei weitere Vorhallen zum Kirchenschiff schließen den beiden äußersten Jochen der Nord- und der Südseite sich an, während das Untergeschoss des Thurms als Vorhalle zu dem Abendmahls-Raum dient. Auf das eigenartige, weit über das gewöhnliche Maaß hinaus gehende und die Aufgabe des Architekten so besonders erschwerende Bedürfnis an Nebenräumen, die durch 3 besondere Vorhallen von außen zugänglich gemacht sind, wurde schon bei Besprechung der früheren Entwürfe aufmerksam gemacht. Es darf hier auch wohl beiläufig auf die geschickte Anbringung der im Programm verlangten Retiraden hingewiesen werden.

Lässt das Innere des Baues, dem eine verhältnissmäßig einfache, in der Anwendung des Ornamentalen durchweg maaßvolle Durchbildung gegeben werden soll, schon vermöge seiner ungewöhnlichen Abmessungen und der Klarheit seiner Motive eine großartige Wirkung erwarten, so dürfte es auch dem Aeußeren desselben weder an monumentaler Wucht noch an künstlerischem Reiz fehlen. Unsere Abbildung giebt eine Ansicht der Westfront, in welcher neben dem großen, 85 m hohen Hauptthurm der hohe Giebel des Kirchenschiffs mit den beiden Treppenthürmen die dominirenden Motive abgeben.

Nicht minder anziehend sind die Ansichten von den übrigen Seiten her, in denen einerseits die imponirenden Fensterreihen der Seitenschiffe mit den Giebeln ihrer Satteldächer, andererseits die malerisch bewegte originell gestaltete Gruppe der das Altarhaus umgebenden Nebenbauten mit zur Geltung kommen. Die Ausführung erfolgt, wie kaum erwähnt zu werden braucht, in Werkstein; das Detail wird durchweg im Sinne der Frühgothik gestaltet. –

Dass dieser Entwurf - schon um seiner monumentalen Einfachheit willen - als eine wesentliche Verbesserung seines Vorläufers anzusehen ist, scheint uns nicht fraglich und insofern wird man die Verzögerung, welche der Bau erlitten hat, als kein Unglück betrachten können.

Leipzig, das an großen Kunstbauten verhältnissmäßig noch arm ist und namentlich in Bezug auf seine kirchlichen Anlagen durch Jahrhunderte eine kaum lobenswerthe Genügsamkeit bewiesen hat, darf hoffen, in der neuen Kirche seiner Petrigemeinde ein Denkmal zu gewinnen, das die architektonische Physiognomie der Stadt aufs werthvollste bereichern und in künftigen Zeiten für das baukünstlerische Wollen und Können unserer Periode das günstigste Zeugniss ablegen wird. Möge gleiches Gelingen, wie es dem Entwurfe geworden ist, auch die Ausführung des Werkes geleiten.


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