Abschiedspredigt

von der in Abbruch kommenden alten Peterskirche in Leipzig.
2. Weihnachtsfeiertag 1885, nachmittags 5 Uhr,
von
D. Fricke

Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden un den Menschen ein Wohlgefallen! - Amen.

Teure Festgenossen!
Mit tiefer Bewegung trete ich an diese Stelle, die letzte Predigt hier zu halten. Noch wenige Stunden und es wird der Anfang gemacht werden zum Abbruche dieser wenn nicht ältesten, doch sicher mitältesten Kirche unserer Stadt. In graue Vergangenheit geht ihre Geschichte zurück - in eine Vergangenheit so dunkel, daß ihr Ursprung mit Sicherheit nicht mehr ermittelt werden kann.

Schon Markgraf Kunad der Große von Meißen, der 1127 zu regieren begann, soll diese capella beati Petri begründet haben, während erst sein Sohn, Otto der Reiche, die nächstälteste Kirche Leipzigs, die Nikolaikirche, begründet hat. Bescheiden, wie ihre Größe ist, hat sie immer nur dagestanden als ürsprünglich bloß zum Messelesen bestimmt. Das alte erste Gotteshaus, das sicher völlig baufällig geworden war, hat erst 1507, schon im Morgenrote der Reformation, die nichts weniger als baufälligen Außenmauern bekommen, die nun auch fallen werden. Aber obwohl mit vielen Unterbrechungen seit der Reformation, hat dieses ehrwürdige Gotteshaus über 700 Jahre mit denselbigen Namen St. Peter auf unserer Stadt wechselnde Geschichte herniedergeschaut.

Schon 1213, im Geburtsjahre des Augustinerklosters St. Thomae, also vor 672 Jahren, wird sie als in Verbindung mit St. Nikolai urkundlich genannt. Sie hat, immer wieder erneut, ihre beiden Schwestern, die St. Marien- und St. Katharinenkapelle, die spurlos verschwunden sind, überdauert. Denn seit diesen Jahrhunderten hat Leipzig wohl Kirchen eingerissen, aber keine neue gebaut. Die Kirchen, die wir haben, sind für die Stadt gebaut, als sie schwerlich mehr als 10000 Einwohner hatte!

In Wahrheit, Geliebte, wir bringen heute abend unsern Abschiedsgruß einem alten, ehrwürdigen Gotteshause; einem Gotteshause, in welchem durch die Jahrhunderte Tausende und aber Tausende ihre Erbauung, auch den Gruß der Weihnachtsengel empfangen haben. Nun will es Abend werden über diesen ehrwürdigen Mauern. Nicht bloß vom Menschen heißte es: "Der Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blühet, wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, ist sie immer da, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr." Schon graben seit Wochen die Totengräber daneben an ihrem Grabe. Noch kurze Zeit, und man wird nach dem alten St. Peter ebenso suchen, wie wir jetzt suchen nach St. Marien und Katharinen, und nur der Name "Petersstraße", "Peterskirchhof", den sie von ihm empfingen, wird noch zu der Stätte leiten, wo es stand, wie die "Katharinenstraße" St. Katharinen einst uns noch finden läßt. Die Geschäfte der Welt, die ja ihr Recht haben, werden von nun an an der Stelle getrieben werden, wo einst Gebete und heilige Lieder erklangen. -

Ob's andern ebenso ist? Mir ist es schwer ums Herz!
Aber wir feiern, Geliebte, diese Abschiedsstunde am Feste der ewigen Liebe! Wie schon so oft durch die Jahrhunderte, erklingt noch einmal der Klänge süßester durch dieses Gotteshaus der Gesang der Engel, von dem jeder fühlt, daß er wahrhaftig nur den Engeln selber abgelauscht sein kann, das "Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen." Muß einmal geschieden sein, so thun wir es am liebsten umfangen von den Verheißungen der Weihnachtsnacht! Wir schließen ja dies Haus nicht ohne die freudige Gewißheit, mit dem Tage der morgen anbrechen wird, aus dem lieben alten Hause selbst auszuziehen in festlichem Zuge zu dem neuen, schönern Gotteshause, das an seine Stelle tritt. Wenn heute abend das Glöcklein dieser Kirche ausläutet das Leben dieser Kirche und zugleich sein eignes Leben, ehe es in die Schmelze des Feuers wandert, da werden einfallen zum Eingeläut des morgenden Festtages die vier großen schönen Glocken des neuen Gotteshauses. 

Wir schließen heute mit dem Abende des zweiten Weihnachtsfeiertages das Weihnachtsfest ab, und in diesem Gotteshause zum letztenmal für alle Zeit. Aber köstlicher hat noch keine Weihnachtsgemeinde das Evangelium dieses Tages an sich erfüllt gesehen, als diesmal du, teure Petrigemeinde - und die ganze Stadt feiert mit dir! - das Evangelium: "Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: "Laßt uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist." - Die Engel des Weihnachtsfestes, das scheidet, ziehen davon; aber wir machen uns schon auf mit den Hirten, "die Geschichte sehen," die Gottes Gnade an andern heiligen Orte uns aufgerichtet hat. Die Geister, die dies nun fallende Gemäuer gesehen, sie ziehen davon, das Dach ihnen zu Häupten wird abgebrochen; aber sie ziehen mit uns den Engeln nach, die uns zu sich winken und rufen: "Das Alte ist vergangen! Siehe, es ist alles neu geworden! St. Peter stirbt! St. Peter lebt - verklärt!"

So wollen wir noch einmal, Geliebte, in stiller Umschau und Einschau stehen bleiben an seinem Grabe -  es ist ein Auferstehungsgrab. Das letzte Wort, das ich für unser Abschiedswort erkoren habe, findet sich

Luk. 24,29.

"Und die Jünger nötigten ihn und sprachen: Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben."

Dies Wort, Geliebte, ist aus dem entgegengesetzten Teile des Lebens Jesu genommen, als der ist, in welchem wir am Weihnachtsfeste stehen. Die Jünger, von denen dieser Text spricht, sind die beiden Jünger, welche auf dem Wege nach Emmaus unter allen Jüngern zuerst wieder den Gekreuzigten sehen, aber als den Auferstandenen und schon umfangen von dem Geheimnisse der Verklärung. Und gerade sie werdet ihr sehen in dem Relief unsers neuen, schönen Altars, wie Christus ihnen das Brot bricht. Das "Friede auf Erden" der Weihnachtsengel ist dort erfüllt. Es ist Abend geworden über diesem Gotteshause wie dort, und sein Tag hat sich geneigt. Die Stimmung und Bitte der Jünger ist ganz unsere Stimmung und unsere Bitte in dieser Abschiedsstunde.

So sei unsre letzte Betrachtung hier: Unser Weihnachtsgebet am Abschiedsabende von diesem Gotteshause!
Es steigt empor

1. aus dem schwellenden Herzen des Scheideschmerzes; aber
2. auch aus der vom Morgenlicht weihender Freude schon umwohnen Seele!

So laß es uns erfahren, Herr, auf unserm letzten Emmausgange hier! - Amen.

I.
"Aus schwellendem Herzen!" - Wem wäre das Herz jetzt nicht schon ohnedies voll, Geliebte, von Weihnachtsfreude? Wem würde es nicht schwer, etwas andres zu denken als das selige Bekenntnis des Apostels der Liebe (Joh. 3, 16), das ihr vorhin zum letzten Male von diesem Altare gehört: "Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingebornen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben"?
Aber die Liebe, die allem Volke widerfahren ist, sie zeigt sich auch darin, daß durch die Jahrhunderte und Jahrtausende die Stätten bewahrt und immer wieder aufgerichtet werden, in denen allsonn- und allfesttäglich das "Ehre sei Gott in der Höhe" ertönt. Auch im neuen Gotteshause wird dieses Wort morgen das erste sein, das gesprochen wird. Und "Ehre sei Gott in der Höhe" soll auch hier mein letztes Wort sein.

Mit schwellendem Herzen stehe ich in dieser Stunde! Nicht bloß, wie wir gesagt, wegen dieses fallenden Hauses altehrwürdiger Bedeutung, nicht bloß weil Tausende verklärter Geister aus dem Reiche der Verklärung jetzt zu uns herniedergrüßen, die vor uns und mit und hier Gottes Gnade und Frieden für ihre Seele gefunden haben - an dem Taufsteine ihres Taufbundes mit Christo, an dem Altare der Konfirmation und der Bereitung auf sie, an dem Abendmahle mit ihrem Friedefürsten, am Altare der Einsegnung des Bundes ihrer Herzen, in dem Schmerze, der von diesem Gotteshause aus an ihren Gräbern und in ihres Lebens dunkelsten Zeiten sonst getröstet wurde. Könnten sie kommen und zeugen und Gott danken, wir würden es mit Augen sehen und mit Händen greifen, was unsre Seele jetzt nur in geheimnisvoller Bewegung empfindet, daß es nicht bloß einen Zusammenhang der Welten draußen, sondern auch der verklärten Geister gibt. Daß diese Kirche zwar nicht eben reich, aber doch die reichste Kirche unsrer Stadt ist: der Frömmigkeit und opferfreudigen Dankbarkeit der Altvordern für hier empfangne Gnade haben wir Nachkommen es zu danken. Über anderthalbhundert Jahre genießen wir ihre Opferfreudigkeit für diese Kirche.

Aber auch viele Lebende werden es ebenso bezeugen, und mit innigbewegtem Herzen rufe ich insbesondre diesem lieben Gotteshause mein "Lebewohl" zu.
In solcher Abschiedsstunde darf man von sich auch reden, und manche werden mit mir dankend zurückschauen in die geweihten Stunden, die sie an dieser Stätte haben durchleben dürfen!

Aus meiner Jugendzeit erstem ernsten Erwachen ist mein Leben an dieses Gotteshaus gebunden. Ehe der noch gärende, suchende Jüngling sich alles schon zurechtlegen konnte, stand er, wie jetzt auf, so unter dieser Kanzel. Er wurde mit vielen angefaßt von dem tiefen, mit der ganzen Persönlichkeit des Predigers durchwohnten Worte des unvergeßlichen Gedächtnis erneuert. Damals war Öde und Verwässerung auch im kirchlichen Leben unserer Stadt, es war Ebbe auch unter uns an geist- und glaubensgerüsteten Predigern, die aus der ganzen Tiefe ihrer im Herzen innerlich freien und niedergebornen Persönlichkeit zeugten. Wir Jüngeren zumal dürsteten nach einem frischern, aus der Tiefe der Schrift und edler Mystik geschöpften Lebensworte, und wir fanden es in dieser Kirche - Glauben ohne Buchstabenängstlichkeit, ohne Ausschließung gegen andre, ohne gedankenlose Tradition und bloße Wiederholung der Dogmen früherer Jahrhunderte. Wer Christum, Gottes Sohn, liebhatte und ihn ehrte in einem Leben der aus ihm geschöpften Weihe, der galt als ein Christ, und der ist es auch. Alles andre wurde dem Glauben und Gewissen freigegeben. Die Persönlichkeit machte den Christen, nicht die bloße Lehre, nicht der äußerlich bekannte Glaube. Bei aller Gläubigkeit stand Wolf mit Milde gegenüber jeder abweichenden Glaubensüberzeugung sonst, und insbesondre der werdenden und gärenden Welt in uns jungen Männern.

So war meine Sehnsucht denn dahin gerichtet, als Katechet einmal an dieser Kirche arbeiten zu können. Alles war fertig, die unvermeidlichen Besuche waren gemacht, da nahm die Universitätskirche mich als Bespertiner zu sich hinüber. Es war bei all unsrer Armut eine schöne ideale Zeit: die Stellung, das Amt, die Ehre und Gliedschaft an einem großen geistlichen Körper zog uns an - 30 Thlr. jährliche Besoldung schien uns genug und erstrebenswert, auch damals eine geringe Summe! - Geister wie Wolf und Howard hatten es im Gotteshause uns angethan.

Aber nimmer hätte ich gemeint, daß ich nach reichlich 20 Jahren, nach langem Wirken in der Ferne, gerade zu dieser Kirche zurückkehren solle! Mehr als 20 1/2 Jahre, seit dem 28. Mai 1865, habe ich nun ununterbrochen in diesem lieben Gotteshause gewirkt, die wenige Monate ausgenommen, wo ich als Feldpropst des sächsischen Armeekorps mit in den Krieg des Jahres 1866 zog. Die schönste Zeit meines Lebens hat sich mir in diesem anspruchslosen und doch so trauten und freundlichen Gotteshause zwar nicht erschöpft, aber gespiegelt. Das vom Rate dieser Stadt an dieser Kirche errichtete und erhaltne Institut der Vorbildung ausstudierter junger Theologen für den Kirchendienst des Leipziger Patronats in Stadt und Land, hatte mich kirchlicherseits vorzugsweise hierher in die Vaterstadt zurückgezogen. Es war mir ein innerer Verlust, als 1876 angesichts der Verwandlung der Kirche in eine Parochialkirche dies gesegnete Institut aufgehoben werden mußte. 

Von den 13 Oberkatecheten seit 1711 sollte ich der letzte sein - der Oberkatechet wurde zum Pfarrer der in kurzem größten Gemeinde der Stadt. Erst zwei, dann drei liebe Kollegen traten mir zur Seite; alle und immer sind wir bis heute durch amtsbrüderlcihe Liebe und niemals getrübten Frieden verbunden gewesen. Teure und eifrige Männer aus der Gemeinde traten als Kirchenvorstand großer Hilfe uns zur Seite. Von 263 in wechselnder Gestalt seit 1712 an dieser Kirche wirkenden Katecheten konnte ich noch 20 in diesem Gotteshause in meine Pflege nehmen - sie sind mir alle - soweit nicht der Tod sie schon ereilte - bis zu dieser Stunde innig verbunden geblieben; erst in den letzten Tagen ist der Veteran der noch lebenden früheren Katecheten überhaupt, der mir stets hochwerte Generalsuperintendent Jaspis in Stettin heimgegangen nach einem gesegneten Leben. Ungezählt habe ich hier gepredigt oder Predigten gehört. 131 Mal habe ich die Lausitzer Predigergesellschaft - die älteste wissenschaftliche Genossenschaft Studierender an unsrer Universität - in diesem Gotteshause predigen lassen und in den Sakristeien desselben ihnen dann die Wege zu zeigen versucht zum Tüchtigwerden im geistlichen Amte. Viele derselben stehen schon in gesegneter Wirksamkeit durch das ganze Land und über dasselbe hinaus. Die letzte Predigt, die wenige Tage vor dem Feste aus der Mitte der jetzigen Mitglieder hier gehalten wurde, war eine innigbewegte Abschiedspredigt. Die 16 Jahre ihrer Bereitung für die kirchliche Aufgabe ihres Lebens und des tiefsten geistigen Austausches hier werden wir ihnen so mir dies Gotteshaus und haben es sich nicht nehmen lassen, mit ihrer Fahne und mit der Fahne der theologischen Fakultät in unserm feierlichen Festzuge morgen das Geleit zu geben zur neuen Kirche. - 

Viele Hunderte von Konfirmanden immer wachsender Zahl habe ich in dieser Kirche vorbereitet und an diesem Altare eingesegnet, und obwohl es nicht zunächst meines Amtes ist, manches Brautpaar, darunter alle meine Kinder, hier gesegnet und verbunden, manches Kind getauft, und manches, manches teure Beichtkind begraben! - Wir hoffen den Altar, vielen wert, noch an andrer Stelle in der neuen Kirche zu verwenden.

Solche Arbeit und Freude verbindet Herz und Raum! Was Wunder, ihr Lieben, wenn mein Herz an diesem Abschiedsabende bewegt ist von innigem Danke gegen Gottes Gnade, aber auch von einem Schmerze, der es noch nicht zu denken vermag, daß diese meine liebe Peterskirche, noch fest bis hinein in die Fundamente, nun zu den Toten geworfen und zerbröckelt werden soll! Und ich weiß es, daß viele Glieder der Gemeinde hier eine Herberge des Trostes und der Erhebung gefunden und ähnlich empfinden, wie es mir und meinen teuern Kollegen und allen, die an dieser Kirche arbeiten, ums Herz ist. Denn auch der Organist muß von seiner Orgel nun scheiden, wenn er auch eine weit schönre empfängt. Es ist unsre Freude, daß die alte Orgel in der Gemeinde Altstädt in der Provinz Sachsen auch ferner einer Gemeinde und ihrem Preise Gottes dienen wird.

Ich habe es kein Hehl: Seitdem ich hierher gekommen, seit 1865, bin ich betroffen gewesen über den Gedanken, zwar nach Jahrhunderten eine erste neue Kirche zu bauen, aber zugleich dieses alte und noch feste Gotteshaus niederzureißen in unsrer, verglichen mit andern Städten, verglichen mit ihrer Größe und ihrem Wachstum, an Kirchen armen Stadt. Gerade noch solche kleinere, traute Kirchen braucht jede Stadt neben ihren großen. Ich darf mir das Zeugnis geben, zu ihrer Erhaltung das mit Mögliche gethan zu haben. Ich habe sie zuletzt unserm teuern König direkt und persönlich als zu erwerbende Garnisonskirche, so habe der Pleißenburg gelegen, ans Herz zu bringen gesucht. "Das Reich bietet die Mittel zu Erwerbung nicht," mußte er antworten. "Die Kirche hindert den Verkehr an der Stelle, wo sie steht, sie hindert den Abschluß der schönen neuen St[r]aße, und ihre Fassaden sind nicht schön," so klang es mir zurück. 

Und gewiß, sie stand und steht da wie ein Aschenbrödel. Der durch 40 Jahre und mehr vergeblich gehegte Gedanke, eine neue dafür zu bauen, mußte hindern, für die Größres zu thun. Aber hätte sie stehen bleiben können, so würde auch darin manches zu bessern gewesen sein, und auch das häßliche Alter hat seine Schönheit: die Ehrwürdigkeit des heiligen Bodens, auf dem sie steht, und die Furchen, die eine lange Geschichte und Arbeit eingegraben hat.
Nun, die Würfel sind gefallen! - mit schwellendem Herzen rufe ich euch in dem lieben Gotteshause den Abschiedsgruß zu und bringe mit euch Gott unsern Dank für alles, was auch wir in diesem Gotteshause nach Gottes Gnade empfangen haben!

II.
Aber auch das andre thun wir. Aus einem Herzen, das in ihnen brannte, nötigten die emmauntischen Jünger den Herrn und sprachen: "Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt." Und sie hatten die Freude: "Er ging zu ihnen hinein, bei ihnen zu bleiben," - auch wir ziehen mit ihm hinaus! Unser Weihnachts-Abschiedsgebet steigt empor aus vom Morgenlichte der Freude im Herrn schon umwobner Seele.

Dunkle Nacht ging auch dem Weihnachtsmorgen voraus. Aus finstrer Nacht trat der Engel des Herrn zu den Hirten auf dem Felde, und die Klarheit leuchtete um sie, und sie fürchteten sich sehr. Eine alte Welt fiel in Trümmer, als die Weihnachtssonne des Christentums aufging, und die Engel durch den lichtgewordnen Morgen hin sangen ihr: "Ehre sei Gott in der Höhe!" Die Geschichte zeigt es, wie schwer es diesen Juden, die zuerst die Weihnachtsbotschaft empfingen, geworden ist, von dem Alten ganz und voll sich loszumachen, und ganz und voll in das Licht des neuen Lebens aus Kraft des heute uns Gebornen hinüberzutreten. 

Noch heute steht die katholische Kirche im halben Judentume mit seinem Gesetzeswesen ohne Freiheit, mit seinem Werketreiben ohne Innerlichkeit, ohne die Kraft und Zartheit des Glaubens, mit seiner Selbständigkeit statt des "Allein aus Gnaden" der evangelischen Frömmigkeit. Und vergessen wir es nicht, ihr Lieben: auch dieses alte Gotteshaus war einst nur Meßkapelle! Jahrhunderte hindurch hat es dem Ablaßwesen, dem einträglichen Lesen von Messen an seinen Altären, dem lateinischen Formelwerk anstatt der Muttersprache des betenden Herzens, dem katholischen Aberglauben der Verwandlung von Brot und Wein im Abendmahle, und der Anbetung der Hostie und der Jungfrau Maria, der Veräußerlichung des Fastens, der Buße und des Gebetes selber gedient, statt der Anbetung Gottes und Christi im Geiste und in der Wahrheit. 

Katholizismus und Protestantismus sind in den Mauern dieser Kirche eingegraben miteinander. Die neue Peterskirche ist die erste Kirche unsrer Stadt, welche von der Wurzel aus nur evangelisch ist! Nach zehn Jahre vor dem 31. Oktober 1517, vor Luthers Thesen, vor Beginn der Reformation, hat dieses Gotteshaus für katholische Zwecke sich erneuern lassen müssen. Daß die Reformation auf Jahrhunderte gerade diese Kirche schloß und zu profanen Zwecken verwenden ließ - zur Kalkgrube, zum Salzmagazin, zur Soldatenkaserne auf Zeit - dieser ursprünglichen - Bestimmung zum bloßen Meßdienste ist es vornehmlich begründet gewesen. Vom Predigen des Evangeliums wußte man damals hier nichts. Und umgekehrt: daß das Aschenbrödel aus seinem Staube wiederemporgehoben und vor nun 174 Jahren für unsre schönen Gottesdienste wiederhergestellt und geschmückt wurde: darin vor allem ist es begründet gewesen, daß eine Zeitlang auch die evangelische Kirche und auch die Kirchen dieser Stadt die Schrift, Gottes lebendiges Wort so gut wie vergessen und das in That und Leben lebendige Christentum an den Buchstaben- und Formeldienst verloren hatten. 

Die Frömmigkeit, Demut und Innerlichkeit eines Spener, anfänglich verfolgt und unterdrückt, hat von diesem Gotteshause aus sich ihre Bahn gebrochen endlich in alle übrigen Kirchen unsrer Stadt. Speners milder Geist, der seit der evangelischen Zeit nie von dieser Kirche gewichen, wird, so Gott will, für alle Zeit mit hinüberziehen in das neue Gotteshaus. Aber im Geistigen und Leiblichen bedarf der Mensch der Gewöhnung: und auch im neuen Gotteshause wird es seine Zeit brauchen, ehe wir in ihm ganz so heimisch und traut geworden sind, wie im alten Gotteshause. Wir hätten das alte nicht herzlich lieb gehabt, wenn es anders wäre. Auch unser Geist muß sich erst weiten, das Große und Weite sich traut zu finden. Wir alle in unsrer Stadt müssen es doch erst lernen, von der Schönheit, die statt der getünchten Wände und nackten Prosa in der neuen Kirche in den Dienst des Höchsten gestellt ist, wahrhaft erbaut, statt zerstreut und gestört zu werden. 

Ich sehe diese Säulen und wanken und diese Mauern hinfallen: aber durch die Nacht hin größt uns, von der Poesie des milden Mondlichts umflossen, wie eine verklärte Geistergestalt das schöne neue Gotteshaus! Der heute uns Geborne, der Auferstandne, der verklärte Erlöser will mit uns ziehen ins neie Gotteshaus, wenn wir so brennenden Herzens ihn zu bleiben bitten, wie dort die Jünger zu Emmaus! "Christus, gestern und heute und derselbige in Ewigkeit," - soll hier das Letzte, soll dort uns das Erste sein. Was kann uns mangeln? Mit Christo sind wir aller Dinge mächtig, er wird auch im neuen Hause uns seine Gesegneten sein lassen!

So scheidet die Braut mit Thränen des Abschieds von ihrem Elternhause; aber sie zieht mit Freuden dann hin ins neue, schönre Haus!

Herr, es ist Abend draußen, und dies Haus sinkt in Nacht. Aber du wirst bei uns bleiben.

Habe Dank für alles Bedeutsame und allen Segen, den du durch Jahrhunderte in diesem Gotteshause unsrer Gemeinde und Stadt geschenkt hast. Laß mit den Mauern, die fallen, sein Gedenken nicht fallen!

Habe Dank, daß du in diesem Gotteshause die Gedanken hast finden lassen zu dem neuen schönern Baue, der von nun an deiner Ehre dienen soll, und daß du hier die teuern Männer so oft sich versammeln ließest, die in unermüdeter Hingabe an die große, schöne Aufgabe, durch nun fast volle zehn Jahre in dieser Arbeit mitgestanden haben.

Aber wir bitten dich auch, segne wie unsern Ausgang von hier, so unsern Eingang ins neue Gotteshaus! Laß das neue St. Peter nie vergessen, daß es der verklärte Sohn des alten St. Peter ist, herangewachsen nur zum vollkommnern Mannesalter in diesem Sohne, Jesu Christo. Schenke auch ihm immer seinen schönen Schmuck, eine reiche, in wahrer Andacht, versammelte Gemeinde. Segne insonderheit die teuern Kinder, die mit uns aus diesem Gotteshause in das neue ziehen und nun dort den Altar ihrer Einsegnung finden werden!

Wir bitten dich zum letztenmal hier für unsern Kaiser! für unsern König! für unser ganzes Vaterland und unsre ganze Kirche!

Herr, unser Gott, es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt! Wir flehen dich an, so heiß wir können, bleibe bei uns auch dort mit deinem Sohne! Laß ihn auch dort in vielen Herzen neu geboren werden, wie in den Jüngern heute zu Emmaus. Sie ziehen hinaus wie wir in die Nacht, zu verkündigen ihrer heiligen Stadt, daß Christus auferstanden, und daß er in ihrem Herzen voll Trauer geboren ist zu neuer Kraft und Herrlichkeit.

Herr, es ist Abend, es wird balb Morgen! Zum letztenmal auf immer, auf immer fingen durch dieses Gotteshaus die Weihnachtsengel: "Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen!" Leb wohl, teures Haus! meine Liebe! mein unvergeßliches Gedenken! - Amen.

D. Gustav Adolf Fricke (1822-1908) <p style="font-style:italic">aus: Sächsische Lebensbilder, Bd. 1, Wolfgang Jess, Dresden 1930</p>