Leipzig und seine Bauten. Zur X. Wanderversammlung des Verbandes Deutscher Architekten- und Ingenieur-Vereine in Leipzig vom 28. bis 31. August, 1892 (S. 348 bis 352)

c. Kultusbauten / 2. Die Peterskirche

Die alte, vor wenigen Jahren abgebrochene Peterskirche, welche an der Stelle des heutigen Reichbankgebäudes stand, war eine der ältesten unter dem Namen Peterskapelle bekannte, Kirchen Leipzigs; ein Bauwerk von bescheidenen Formen und Abmessungen. Die Kirche war seit dem Jahre 1213 der Thomaskirche zugeteilt; nach mancherlei Wandlungen im Laufe der Jahrhunderte wurde sie im Jahre 1876 zur Parochialkirche erhoben.

Die rasche Zunahme der neuen Petersparochie und die gänzlich ungenügenden Räumlichkeiten der alten Kirche ließen den Wunsch nach einem Neubau auf anderem Platze bald zu einem dringendem werden. Als der natürliche Mittelpunkt der Parochie, welche sich in der Hauptsache auf das Südviertel erstreckt, war der Schletterplatz für den Neubau ausersehen. 

Nach langen Verhandlungen wurde im Jahre 1877 zur Erlangung eines Entwurfes eine allgemeine Konkurrenz ausgeschrieben, an welcher sich ca. 80 deutsche und österreichische Architekten beteiligten. Näheres über die Vorgeschichte dieses Baues findet sich in der Mitteilungen der deutschen Bauzeitung und besonders in der bei Gelegenheit der Einweihung des Neubaues erschienenen Festschrift (Die alte und die neue Peterskirche in Leipzig. Denkschrift von Lic. Dr. Bruno Hartung. Leipzig bei Heinrich Matthes [Herm. Voigt]), der auch die nachstehenden Angaben zum Teil entlehnt sind.

Mehrfache Bedenken gegen die Ausführbarkeit des an erste Stelle prämiierten Projektes der Architekten Giese und Weidner in Dresden, für den festgesetzten Preis von 900 000 Mark, waren Veranlassung, mit dem Verfasser des mit dem zweiten Preise ausgezeichneten Entwurfes, dem Architekten Aug. Hartel in Crefeld, in Verbindung zu treten, dessen Arbeit von der Preisrichtern als gelungene Lösung der Programmforderung: "Das Kirchengebäude soll in einer, dem protestantischen Kultus am meisten entsprechenden centralen Form gebaut werden", anerkannt wurde.

Einige Mängel dieses Entwurfes, namentlich in der Stellung des Turmes, waren in einem anderen hervorragenden Projekt von Baurat Lipsius glücklich vermieden und so wurden beide Architekten beauftragt, auf Grund ihrer Arbeiten gemeinschaftlich einen neuen Plan anzufertigen. Im Verlauf dieser Arbeiten wurde, insbesondere auf Anregung des Dombaumeisters Schmidt in Wien, von der centralen Grundrißgestaltung endgültig abgesehen und die Form des Langhauses für die weitere Durchbildung angenommen. So entstand jener Entwurf, welcher der heutigen Ausführung zu Grunde liegt. 

Die Architekten verpflichteten sich, den Bau bis zum Jahre 1885 für den Preis von 900 000 Mark herzustellen. Die Bedingung, daß Altar und Kanzel von jedem Platze aus gesehen werden können, führte dazu, die Gewölbepfeiler so weit nach den Umfassungen zu rücken, daß die Seitenschiffe nur als Gänge behandelt wurden, während das Mittelschiff eine Spannweite von 17 m erhielt, eine solche wie sie keine der in mittelalterlichen Formen in Deutschland erbauten Kirchen aufweist. (Dom zu Mainz 15,5 m, Straßburg und Ulm 15m, Köln 13,8m.) 

Erschwerend war ferner die Bedingung, eine Anzahl unter sich getrennter Nebenräume zur gleichzeitigen Abhaltung des Konfirmandenunterrichts und der Beichten, sowie die Expeditionsräume, Zimmer für Kirchenvorstandssitzungen, für das Archiv etc. in der Kirche unterzubringen, was zum Teil in dem südlichen Taufkapellenanbau und in dem dem Chor angebauten Kapellenkranz bewerkstelligt worden ist.

Der Gedanke, den Turm nicht auf den eingeschlossenen Bauplatz, sondern an die nördliche Seite zu stellen, hat sich in der Ausführung als sehr glücklich erwiesen; der Turm ergänzt mehrfach in dieser Stellung Straßenbilder in vortrefflicher Weise. 

Mit Rücksicht auf das besondere Interesse, welches dieses Bauwerk beanspruchen darf, sei über die Ausführung noch erwähnt: Der Bauplatz war und hieß früher "Lehmgrube". Daher fand sich der Baugrund, sehr fester grauer Thon, in verschiedener Tiefe. Die Fundamentsohle des freistehenden Langhauspfeilers liegt -6,00 m unter Langhausfußboden, die des Hauptturmes ebenso -5,50 m, die flachste Fundamentsohle in dem östlichen Kapellenkranz ebenso 4,5-6 m, -8,40m findet sich Kies, -12,00 m Grundwasser.
Sämtliche Fundamentsohlen sind so berechnet, daß jeder Bauteil einen gleichmäßigen Druck und zwar 2,8 Kilo pro qcm auf die Baugrube ausübt. Das Turmfundament hat eine Länge von 14,70 m, eine Breite von 14,60 m, eine Höhe von 4,30 m und ist ein massiver Mauerklotz. 

Der Turm ist im Zusammenhange mit den übrigen Mauern ausgeführt, eine Isolierung war ohne erhebliche Beeinträchtigung der angrenzenden Bauteile nicht durchführbar. Trotzdem hat sich die angewandte Art der Fundamentierung vorzüglich bewährt. Die Fundamente sind in Bruchsteinmauerwerk in Altenburger Graukalkmörtel, die Sockelbanketts der inneren freistehenden Pfeiler, sowie sie unteren Turmpfeiler und die oberen schwächten Pfeiler des Turmes sind ganz in Cementmauerwerk hergestellt worden. Die Gewölbe sind in porösen Bitterfelder Backsteinen auf Sandsteinrippen in starker Busung ausgeführt. 

Die Langhausgewölbe bestehen, unten 1 Stein dann 3/4, oben 1/2 Stein stark, unter Berücksichtigung der Druckverhältnisse zum Teil aus vollen, schweren Backsteinen. Die großen Rippen haben 1 1/2 Stein starke Verstärkungsbögen erhalten. Sämtliche glatte äußere Flächen sind in Postaer Sandstein, sämtliche äußern Profilarbeiten und Ornamente sind aus Postelwitzer Sandstein. Zu den Architekturteilen und Ornamenten im Innern ist Cottaer Sandstein, nur zu den stark belasteten Teilen Postelwitzer, zu den figürlichen Arbeiten im äußern Brühler Tuffstein, zu den Arbeiten an Kanzel, Altar und Lesepult französischer Kalkstein und nassauischer Marmor angewendet. 

Die Säulen im Chor sind Monolithe aus Lausitzer Granit. Das Dach besitzt eine Eisenkonstruktion, die durchschnittlich 4 m entfernten Polonceaubinder ermöglichen ein starkes Eingreifen der Gewölbekappen in den Dachbodenraum zugunsten der inneren Raumentwicklung. Die Eindeckung des Daches ist in deutscher Weise in thüringer Schiefer auf Pappunterlage und Schalung bewirkt. Sämtliche Kehlen und Rinnen des Hauptdaches sind in Walzblei, die der Nebendächer in Zinkblech eingedeckt.

Die Turmhelme der Westseite haben eine Wandstärke von 0,20 - 0,15 m, der Hauptturmhelm von 0,25-0,8 m. Die große Turmkreuzblume hat einschließlich des Kranzgesimses eine Höhe von 5,60 m, der untere aus vier Stücken bestehende Blattkranz 2,80 m, der obere aus zwei Stücken bestehende 2,00 m im diagonalen Durchmesser; das Gewicht der behauenen Kreuzblume beträgt 300 Centner. 

Die 18 m lange, 0,08 m starke Armierungsstange verspannt durch drei Verschraubungen die einzelnen Schichten gegeneinander und ist durch eine am untern Ende befestigte kreuzförmige Konstruktion gegen einen im Helm angebrachten steinernen Verstärkungsring durch Verschraubung gepreßt, so daß kein einzelnes Stück von der ganzen oberen Hälfte des Turmes losgerissen werden kann. Die Eisenarmierung wiegt 1428 Kilo. Die einzelnen Steine der Kreuzblume werden durch Bronzedeckel mit Rändern im Gewicht von 240 Kilo zusammengehalten.

Die Behandlung der architektonischen Entwicklung schließt sich eng an die konstruktiven Elemente an. Die ausschließliche Benutzung von Werksteinen gab Gelegenheit, das ganze Werk in der Formengestaltung der frühgotischen Periode, im Anschluß an die mustergültigen Werke Nordfrankreichs zu entwickeln.

Die Hauptmaße des Gebäudes sind folgende: Lichte Weite des Mittelschiffes 17 m, des Langhauses einschließlich der Seitenschiffe 24,66 m, des Chores 9,32 m, Jochlänge des Langhauses 8,00 m, Gesamtlänge des Langhauses 38,60 m, dasselbe einschließlich der Orgelnische 41,30 m, Länge des Chorraumes unten 16,81 m, oben 13,10 m, das untere Turmquadrat 9,00 m; die Höhe bis Kapitäloberkante im Langhause 13,40 m, bis zur Unterkante des Gewölbeschlussteines im Mittelschiff 25,1 m, im Seitenschiff 19,00 m, im Chorschluss 20,00 m, vom Langhausfußboden bis zur Dachgalerie 11,00 m, bis Hauptdachfirst 32,80 m, bis zur oberen Turmgalerie 41,68 m, Höhe der westlichen Türme 42,60 m, Höhe des Hauptturmes, welcher bis zur oberen Galerie auf einer eisernen Wendeltreppe, von da ab auf Leitern zugänglich ist, 88,70 m.

Das Innere der Kirche enthält: im Langhause und auf den beiden Seitenemporen feste Sitzplätze 958, Raum für Stühle 880: Auf der Orgelempore Raum für 300 Sänger. Im Bedürfnisfalle können im Chor noch 450 Stühle Platz finden, so daß die Gesamtzahl der herzustellenden Sitzplätze ca. 2500 betragen würde. 

Die beabsichtigte Wandmalerei ist bis jetzt nur im Chor zur Ausführung gelangt; dagegen ist es durch freiwillige Spenden ermöglicht worden, die fünf Chor- und sechzehn Langhausfenster mit Glasmalereien figürlicher und ornamentaler Komposition zu versehen. Die Orgel enthält 60 klingende Register auf drei Manualen und ein Pedal. Der Kirchenraum selbst wird durch eine Kanalheizung, die täglich benutzten Nebenräume durch Heißwasserheizung erwärmt.

Leipzig und seine Bauten 

Vereinigung Leipziger Architekten und Ingenieure

Zur X. Wanderversammlung des Verbandes Deutscher Architekten- und Ingenieur-Vereine in Leipzig vom 28. bis 31. August, 1892 

1892
J.M. Gebhardt's Verlag (Leopold Gebhardt)