Elternhaus und Jugend. Von Pfarrer Dr. phil. E. Krömer.

(Bei Gelegenheit seines letzten Gemeindeabends am 22. Mai 1916, den ihm seine Gemeinde sehr festlich gestaltete, erzählte Archidiakonus Dr. Krömer einiges aus seinem Leben. Eine frühere Konfirmandin von ihm, Frl. Große, hat diese Erinnerungen nachstenographiert. Vielleicht macht es noch dem und jenem Freude, sie zu lesen. – M. Krömer.)

Meine Familie ist ursprünglich in Schlesien aufgewachsen, in der Grafschaft Glatz, Kreis Habelschwerdt. Von dort her ist mein Urgroßvater vor 100 Jahren, als Preußen und die Welt neu gestaltet wurden, eingewandert gekommen und in der Nähe von Dresden, In Hosterwitz, hängen geblieben. Er war ein Schneider, hat aber in Hosterwitz einen Laden errichtet und es zu einem ganz mittelmäßigen Besitztum gebracht. Er war ein besonderer Liebhaber der Vögel, und zwar hielt er nicht etwa einzelne Käfige und in diesen Käfigen einzelne Vogel-Exemplare, sondern er hatte ein großes Vogelhaus. Da waren allerlei Vögel zusammengesperrt, und es gab ein sehr interessantes Leben. – Pillnitz, das königl. Schloß, ist ja nur zehn Minuten von H. entfernt, und so geschah es, daß von der königl. Familie sich so manches in dieses Vogelhaus gesetzt und den gefiederten Gesängen zugehört hat. – Wenn mich mein Vater später in die Wälder führte und wenn irgendein Vogel seine Stimme erhob, dann dachten wir immer wieder an dieses Vogelhaus, das mein Vater so oft bei seinen Eltern gesehen hatte. – Das Haus lag ziemlich tief und alle Frühjahre, mitunter auch in Herbst, kamen die überschießenden Wasser der Elbe herein; es waren aber Pfosten gelegt und Balken, die wurden, wenn die Flut kam, aufgestellt und schützten, so daß das Häuschen noch lange stand, bis daß es später ganz erneuert worden ist.

Mein Vater wollte nun etwas ganz Besonderes lernen, darum brachte ihn sein Vater nach Dresden auf die Realschule. Diese leitete Direktor Anger, dessen Sohn später Professor in Leipzig war. Dieser Professor Anger hat mich um meines Vaters willen später sehr herzlich aufgenommen und mir viel Gutes getan. – In dieser Realschule hat mein Vater Französisch gelernt und auch Lateinisch, und er hätte vielleicht, wenn die Wege ebenso getrennt und entschieden gegangen wären wie heutigen Tages, eine andere Laufbahn einschlagen können und vielleicht höhere Ziele erreicht. Aber er wurde von dort aus ein Lehrer und kam zuerst in die Chemnitzer Gegend, nach Rottluff, später nach Zöblitz. Dort, am Rande des höchsten Erzgebirges, zwischen Olbernhau und Marienberg, liegt Zöblitz, eine Stadt, die vor vielen anderen ausgezeichnet ist, weil der Serpentin dort in einer Eigenschaft gefunden wird, die ihn leicht bearbeiten läßt; manchmal ist er so weich, daß man ihn mit dem Daumen pressen kann, manchmal wieder ganz spröde. Dieser Serpentin wird also in Zöblitz gefunden, und von dort aus gehen viele Erzeugnisse, Wärmsteine, Butterdosen, Tischplatten und was da sonst noch alles zu haben ist, in die Weite Welt. Damals konnte jeder Bürger aus dem Steinbruch sich den Serpentin holen; die Stadt hat diesen aber später an eine Aktiengesellschaft verkauft, die jetzt viel großartigere Erzeugnisse hervorbringt, sich die Gegenstände aber auch gut bezahlen läßt.

Mein Vater war Mädchenlehrer, und ich habe gelegentlich die Mädchenschule mit besucht. 

Im Jahre 1852 wurde mein Vater nach Brand bei Freiberg berufen. Von Zöblitz nahm ich nur die Eindrücke guter und getreuer Nachbarn mit; selbst als ich schon junger Geistlicher in Leipzig war, kamen noch die alten Nachbarn von meinem Vater mich zu besuchen und brachten eine Serpentinstein-Butterbüchse mit – natürlich mit Butter, gefüllt (letztere ist ja jetzt besonders gesucht). [1916!]

Wir waren noch nicht lange in Brand – ich entsinne mich noch, daß ich auf dem Kutscherbock saß, und die Schulkinder kamen bis nach Mönchenfrei und holten meinen Vater ein – da kamen eine Menge Leute aus Zöblitz und brachten die schmerzliche Nachricht, daß Zöblitz abgebrannt war.

Damals war das eine gewisse Krankheit, alle die Gebirgsstädte brannten ab: Schöneck, Adorf, Johann-Georgenstadt und auch Eibenstock, wenigstens einige Viertel.

Da kamen denn die armen Leute und suchten auch in Brand meine Eltern mit auf, die da taten an Gastfreundschaft, was sie tun konnten.

In Brand war mein Vater Knabenlehrer, erster Lehrer. – Brand war Bergstadt und zeigte sich als solche. Fast alles trug einen Bergmannskittel. Nicht nur die Männer waren im Berg beschäftigt, sondern auch ganz kleine Kinder. Die waren an der Klauberbank und an der Scheidebank beschäftigt. Ältere Jungen hatten große viereckige Tische vor sich und zerschlugen Steine, die erzhaltig waren – blei- und silberhaltig – und was sie zerschlagen hatten, das mußten die Klauberjungen auseinanderklauben; sie mußten es ordnen, dann auf den Stoßhord bringen, wo es gestampft und zerkleinert wurde. Dann wurde der Staub nach den Hütten geführt, wo unter furchtbarem Feuer das Metall geschmolzen wurde. Es gab da ganz besondere Wagen, die dieses silberhaltige Erz nach den Hütten führten. Ich dachte, daß müßte glänzendes Zeug sein und langte mir mal ein paar Finger voll aus dem Wagen heraus, aber es war ganz trüber Staub. Wenn man bedenkt, daß in einem solchen Kiesel, wo das Erz gefunden wurde, die Hauptsache nur Blei war, vielleicht ein wenig Prozent Silber und vielleicht nur ein tausendstel Prozent Gold, so begreift man wohl, daß dieser Staub nicht gar so leuchtend aussehen konnte.

Nach welcher Richtung hin wir auch hinausgingen, überall stieß man auf Bergwerke. Es war alles darauf eingerichtet, auch das Amt meines Vaters. Er hatte nämlich neben seinem Schulamt die Aufgabe, früh um drei, vier und fünf Uhr zu läuten, damit die Bergleute aufgeweckt wurden. Außerdem um elf, zwölf, sieben und acht Uhr; er mußte also siebenmal am Tage läuten. Die Glocke war auf unserem Schulhaus. Im Winter, wenn man darunterstand und den Strang zog, da flog der Schnee auf die Hände. – Für die Aufgabe des Läutens bekam mein Vater jährlich vier Taler.

Es gab damals noch keine Fortbildungsschule, aber mein Vater errichtete eine, und zwar eine Bergschule. Da wurden die strebsamen Bergmannskinder unterrichtet, daß sie etwas davon verstanden, wie das Erz in der Erde liegt; mein Vater hatte eine Sammlung von Erzen angelegt, damit die jungen Leute daran lernten. Es war eine Art Jünglingsverein, fast alle Sonntage kamen die jungen Leute zusammen und trieben ihr Wesen.

Zwei Dinge waren es, die mein Vater besonders verstand und die ihn erhoben. Das eine war die Musik. Er kannte die Orgel ganz genau, so daß er, wenn einmal etwas nicht klappte, hineinstieg und die Sache in Ordnung brachte. – Wir hatten, das ist eine Eigentümlichkeit der Bergstadt, die Kirche nicht in der Stadt. Es gab Leute, die erzählten, die Kirche hätte eigentlich in der Stadt gebaut werden sollen, dreimal habe man angefangen, aber immer wieder habe sie der Teufel abgebrochen, und so wurde sie dann schließlich in Erbisdorf errichtet.

Wir hatten eine Silbermannsche Orgel. Silbermann ist ein berühmter Orgelbauer. Der Dom zu Freiberg und die Frauenkirche, auch die Hofkirche zu Dresden haben große Orgelwerke von Silbermann, die noch heute im besonderen Rufe stehen. Das bestimmte meinen Vater, der Geschichte dieses Silbermann nachzugehen; er hat eine Lebensgeschichte dieses Mannes geschrieben, die sehr fröhlich zu lesen ist. – Mein Vater hatte die Orgel und seinen Dienst an der Orgel so lieb, daß er ein Werk schrieb; für jeden Choral ein Vorspiel und ein Nachspiel, und damals waren auch noch Zwischenspiele zwischen jeder Zeile mode – das Zwischenspiel durfte nur vier Viertel haben, es war also eine besondere Kunst. Es waren vier ziemliche Bände, die mein Vater da vollgeschrieben hat, und es ist natürlich, daß er im Orgelspiel eine gewisse Fertigkeit erlangte. Als er einmal in Rüsseina krank gewesen war und seinen Dienst nicht hatte verrichten können, da sagten die Bauern, als er am Reformationsfeste wieder spielte: man sieht, das war nur der Lehrjunge, jetzt spielt der Meister!

Außerdem hatte mein Vater eine besondere Vorliebe für die französische Sprache. Er hat sein Tagebuch französisch geführt. Ich habe noch einen Band von diesem Tagebuch, in dem er seine Lebensgeschichte niederschrieb. – Er hat mit einer Französin, die im Pfarrhause den Kindern und Pensionären Unterricht gab,  viel Französisch gesprochen, wenn auch seine Aussprache vielleicht nicht ganz einwandfrei war.

Mein Vater sah nun auf seine heranwachsenden Jungen, und das gab mancherlei Sorge. Was sollen sie werden? Er hatte den Ehrgeiz, daß eine leuchtende Laufbahn, die ihm versagt worden war, seinen Kindern beschieden sein möge. Er hat viel möglich gemacht, denn wir vier Brüder haben studiert und das Studium vollendet – einer freilich starb früh. Das war nur möglich dadurch, daß mein Vater uns in das Alumnat der Kreuzschule in Dresden brachte. Es gibt ja auch hier in Leipzig die Thomasschüler, die alle Sonnabende in der Motette singen; genau so war es auf der Kreuzschule in Dresden. Die Schüler bekamen für die Besorgung des Chores freien Gymnasial-Unterricht. Jetzt ist das viel köstlicher, jetzt bekommen die Schüler sogar ihre Stiefeln geputzt, wir aber mußten nicht nur die unsrigen selbst putzen, sondern auch die der Oberen dazu. Wir bekamen nur Mittagessen, mußten also den Frühkaffee selber bestreiten, das Kännchen kostete fünf Pfennige. Wer sich das nicht leisten konnte, der trank Wasser, und da gab es manche, die das tun mußten. Abends gab es Kartoffeln beim Hausmann und alle zwei Tage zwei Pfund Brot. Wir waren also wenigstens vor der Not bewahrt. Jetzt haben diese jungen Herren ein schönes Frühstück, auch ein gutes Abendbrot – es wird überhaupt in der Welt immer schöner! –

Nun, in Brand war mein Vater vom Jahre 1852 bis 63; er hatte einen schwierigen Dienst; jeden Sonntag hinauf in die Kirche, dann noch in das Dorf; die Leichen, die zu singen waren, wurden oft weit abgeholt (von den entfernten Orten bis zum Gottesacker ist es ungefähr eine Stunde), da mußten die Chorknaben mit dem Kantor an der Spitze Choräle singen, immer nur eine Zeile auf einmal, aber im Gebirgswinter eine Aufgabe; andererseits konnte man aber auch seine Gesundheit stärken, kräftigen.

Wenn einer so einen anstrengenden und gefährlichen Dienst hatte,  so lag es nahe, sich nach einem anderen, bequemeren umzusehen, der etwas mehr eintrug. Wir waren ja zuletzt elf Kinder. Darum meldete sich mein Vater nach der fetten Stelle Rüsseina als erster Lehrer. Aber es war, wie das so oft geschieht, das Gerücht von einer „fetten“ Stelle mehr Dichtung. Die Stelle war keineswegs so große, wenn sie wirklich etwas größer war, dann hatte man sie beschnitten, um dem anderen Lehrer beizuspringen. Aber es war doch eine mehr im Niederland gelegene Stelle. Es wohnen dort die sogenannten Samtbauern; der Sohn zog seine guten Sonntagsstiefeln an und fuhr ins Gewandhaus nach Leipzig, und die Töchter wurden nach Leipzig oder Dresden auf die „Benahmige“ geschickt. – Dort gab es auch Obst. Wenn wir in Brand mitunter ein paar Äpfel bekamen, dann sagte meine Mutter wohl: „Ach, wenn es doch dahin käme, daß ihr euch an Obst sattessen könntet.“ Es gab in R. Zeiten, wo es soviel Obst gab, daß die Leute es nicht pflücken wollten, daß die Handwerksburschen, wenn man es ihnen reichte, daß Obst nicht annahmen und sagten, damit sind wir schon reichlich versehen. Wenn aber bei uns (in der Kreuzschule) die Obstkisten ankamen, dann gab es große Freude, und ging der Vorrat zur Neige, dann hieß es: es sind die letzten, merkt es euch, wie sie schmecken.

Die Stelle meines Vaters trug 600 Taler ein, und damit auszukommen, das würde doch wohl ein Meisterstück sein, es würde kaum gelangt haben, wenn wir nicht eine ganz außerordentlich vorzügliche Mutter gehabt hätten.

Mein Vater wurde im Jahr 1876 in den Ruhestand versetzt, es hatten sich doch mancherlei Leiden eingestellt.

Als ich im August 1868 meine Universitätsprüfung bestanden hatte, da kündigte ich zu Hause mein Kommen an. Es gab damals nur Eisenbahn bis Döbeln; meine Geschwister kamen mit einem kleinen Handwagen, um meine Kiste aufzuladen, und mein Vater kam mir vielleicht eine Stunde entgegen, mit herzlicher Freude, aber ich merkte es ihm doch an, daß er innere Schmerzen hatte. Ich hatte eine große Auswahl an Stellen; sogar nach Afrika zu einem Konsul, der mich hoch besolden wollte, wurde ich gerufen; aber es wurde aus alles diesen Dingen nichts, weil mein Vater so krank war, daß meine Mutter sagte, ich sollte doch lieber zu Hause bleiben. So habe ich denn vom August bis November sein Amt verwaltet. Es war das eine Mal so schwer mit ihm, daß uns die Mutter an sein Bett rief und wir eigentlich jeden Augenblick den letzten Atemzug erwarteten, aber Gott hat ihn uns noch erhalten, er hat noch von 1868 bis 1880 gelebt; wäre mein Vater damals gestorben, so wäre ich armer Kandidat der einzige von elf Geschwistern gewesen, der einigermaßen festen Boden unter sich hatte. Als mein Vater aber dann später starb, da waren wir drei Ältesten gewissermaßen schon auf eigenen Füßen, einige von meinen Schwestern hatten sich verheiratet. Ich habe in diesem Zusammentreffen immer eine besonders hohe Gnade gesehen, weil nun das Haus und die Familie viel fester zusammenstand, als wenn das Unglück damals gekommen wäre.

Ich kam nun nach wolfsgrün bei Eibenstock als Hauslehrer und befand mich im Gebirge außerordentlich wohl. Ich hätte am liebsten sollen ein Förster werden, so stürmte ich durch die Wälder und dachte damals nicht, daß ich jemals würde nach Leipzig kommen, denn Leipzigs Luft wurde mir immer schwer; wenn mein Zug von zu Hause in Leipzig einfuhr, dann stürzten mir immer die Tränen aus den Augen. Ehe ich meine Prüfung bestand, da bin ich früh um drei Uhr aufgestanden und nach Leutzsch gegangen, dort war noch frische Luft, weil Leutzsch damals noch zwischen Feldern lag. Ich sagte immer, mich bringt niemand wieder nach Leipzig, und als mein Freund im Winter, als ich in Rüssena war, schrieb: Du kannst kommen, am Teichmannschen Institut ist eine Stelle frei, Du brauchst nur ja zu sagen, da sagte ich – nein. Aber als ich Kandidat war, schrieb Fricke von der Peterskirche, ich sollte mich bewerben. Diesen Wink konnte ich nicht übersehen und teilte dies meinem Chef mit – der auch so leidlich mit mir zufrieden war – ich tröstete ihn und sagte: es ist ja sehr leicht denkbar, daß ich durchfalle. Da sagten sie alle: nein, Sie fallen nicht durch! Und so wurde es auch. In der kleinen Peterskirche, wo jetzt die Reichsbank steht, habe ich meine Probepredigt gehalten, und der Oberkatechet Fricke hat mich sehr freundlich begrüßt. So trat ich im Jahre 1870 mein Amt an.

*

Mein Vater war ziemlich sparsam, doch außerordentlich gastfrei. So geschah es, daß, wenn die Bücherboten kamen oder sonst ein Mensch und wir saßen gerade bei Tisch, dann sagte er: bitte, setzen Sie sich nur mit her. Meine Mutter war manchmal etwas in Verlegenheit, wie das Essen „gestreckt“ werden konnte, aber es ging eben alles. Und ich weiß, mein Vater war so gut, daß er einmal zu mir sagte: Ja, Emil, wenn du ein Klavier brauchst, dann sage es nur. Als ob er es nur so in der Tasche gehabt hätte, und ich hätte ihn sicher in die tödlichste Verlegenheit gebracht , wenn ich gesagt hätte: ja. Man lernt sich verständigen mit den Eltern. Da kam es vor, daß meine Mutter sich, wenn ich heimkam, an mein Bett setzte und mir ihren Jammer enthüllte. – Es geschah, daß mein Vater sagte: Mutter, bist du denn schon wieder fertig mit dem Gelde?! -  Es war wieder einmal sehr knapp (mein Vater hatte mehrere Bücher, das Silbermannsche, ein Choralbuch, eine Deutsche Grammatik, Rechenbücher und auch von seinen Reisen hübsche Sachen geschrieben), und da kamen einmal 30 Taler von einer neuen Auflage. Da sagte er: Der liebe Gott hilft doch immer wieder.

Sein Ruhestand dauerte nur ein paar Wochen. Als meine Mutter hier in Leipzig zu meiner Hochzeit war, hatte sie den Vater allein gelassen, und er hatte eine Anzeige in der Zeitung gelesen, da hatte er sich gemeldet und sein Anerbieten war angenommen worden. Die Mutter sagte, was fällt dir denn ein, du bist doch im Ruhestand; da gehe ich nicht mit. Und der Vater erwiderte: Da gehe ich eben allein. Mein Bruder war Arzt und der sagte auch: Vater, du mußt dich schonen. Aber es half alles nichts. In Lugau hat mein Vater von 1876 bis 1880 vier schöne Jahre verlebt, und die verdankte er im besonderen dem dortigen Geistlichen, dem Vater des Pastor Eckhardt an der Peterskirche. Mein Vater sagte: Das ist ein Mann, wie man ihn nach der Bibel erwartet. Dieser Mann hatte eine gewaltige Bedeutung in seinem Dorfe; er hatte ein sehr reges geistliches Leben geweckt, und ich habe es ihm immer wieder gedankt, daß er meines Vaters Lebensabend so außerordentlich schön im Glauben und in der Zuversicht gestaltet hat. Als ich den letzten Abschied von meinem Vater nahm, als es ihm zu schwer wurde, da sagte er: Wenn es nur nicht so lange dauerte, worauf ich erwiderte: Darauf kommt es nicht an, wenn es nur ein seliges Ende ist. Da war er zufrieden und ist eingeschlafen. – Er war in demselben Jahre wie Bismarck geboren (am 7. April), aber er hat seinen Lebenslauf etwas früher vollendet.

Nun möchte ich noch etwas von meiner Mutter erzählen. Sie stammt aus Rabenstein bei Chemnitz, wo mein Vater seine erste Stelle hatte. Ihr Vater war ein Strumpfwirk-Fabrikant. Damals war die Strumpfwirkerei eine Hausarbeit; sie hatten Wirkstühle, da razte es nur immer so, wenn man durch das Dorf ging. Mein Großvater hatte sich sehr umgesehen in der Welt und war zu einem gewissen Wohlstand gekommen. Ich bin einmal mit meiner Mutter durch das Dorf gegangen, da zeigte sie mir Häuser, die sich alle sehr ähnlich waren und sagte: die hat der Vater gebaut. In der Erinnerung an seine Wanderjahre hat er manchmal seine Schuhe oder Strümpfe verschenkt und kam ohne sie nach Hause. Als seine Tochter sich verheiratete, es war gerade die Zeit der Leipziger Messe, da behielt er die von der Messe heimkehrenden böhmischen Meßmusikanten ein paar Tage bei sich, damit sie Abschiedslieder spielten. – Sein Wohlstand ging durch verschiedene Umstände zurück, wenn auch ein bescheidendes Erbe blieb, welches mein Vater einem Freunde lieh. Dieses Darlehn bildete später eine Sparkasse, aus der ich mitunter Beträge erheben konnte.

Meine Mutter war eine kleine, rege, lebendige Frau; sie war die Mutter von elf Kindern, und welch eine große Aufgabe das ist, diese zu versorgen, und zwar so, daß wir immer lebendig und lustig und fröhlich waren, läßt sich denken. Wir kannten nichts von besonders trüben Zeiten, wenn sie auch gelegentlich nicht ausblieben. – Wenn ich von Dresden kam – von Tharandt aus drei Stunden allein durch den Wald (der später berühmte Geheimrat Kretschmar wanderte auch oft mit uns; dessen Vater war Kantor in Olbernhau und er spielte schon als kleiner Junge barfuß auf der Orgel Bachsche Präludien) – hatte ich einmal diese Leute vorbeiziehen lassen, da sagte meine Mutter: Warum lädst du denn deine Kameraden nicht ein, du hättest ihnen doch etwas vorsetzen können. Meine Mutter wußte alles recht zu rate zu halten, und da mußten wir alle mit heran – Holz holen, Wasser holen, das letztere war besonders schwer im Sommer, wenn kein Wasser kam; da mußte man stundenlang – wie jetzt die Leute nach Kartoffel n – um  einen Trog Wasser stehen. – Was meine Mutter anfaßte (Sie entschuldigen, wenn ich Lobeserhebungen mache, aber sie hat es verdient), was sie mit ihren Händen trieb, das gedieh. Als mein Vater in Rüsseina abging, da hatte der Pfarrer noch einen besonderen Dank für meine Mutter, die den Altar und die Kirche immer so sauber gehalten, und wenn eine Trauung war, die Blumenstöckchen immer so schön zu ordnen gewußt hatte. Auch ihr Garten leuchtete von allerlei Blumen. Aber nicht nur die Blumen, auch die Tiere hatte sie gern. Die Gänse mußten wir einsperren, wenn die Mutter fort wollte, weil sie sonst mitgingen. Wenn sie mal weg war, band sie uns vorher aufs teuerste auf Herz, wir möchten nur das Schwein ordentlich besorgen, solche Tiere achteten das genau, damit die Tiere alles mit rechtem Appetit verzehren konnten, und wir haben dann auch das Schwein mit rechtem Appetit verzehrt. Es war immer ein Trauerspiel, wenn es hieß, es sind keine Würste mehr im Rauchfang. – Es hat mich dies immer erinnert an die Beschreibung einer Mutterliebe in dem kleinen Buche von Ludwig Finckh, das den Namen „Rapunzel“ führt: „Die Frau aber hat leichte Füße, und eine Mutter hat Flügel; sie läßt ihr Herz hinter dem Sohne herflattern, und da sie ihn in den Dornen sieht, während der Vater auf festem Wege geht, so steht sie zu dem, der eine Mutter nötig hat; eine Mutter ist immer so jung als der jüngste Sohn.“ Daß heißt, solange sie noch kleine Kinder hat, gibt sie sich nie der Müdigkeit hin. Wenn wir nach Dresden zurück wollten und wir bestellten, uns um drei Uhr zu wecken, da war die Mutter immer da; sie hatte auch Kaffee und Brötchen zurecht gemacht, und wir stiegen dann vergnügt in die Nacht hinaus.

Damit das Haus recht bestehen konnte, pachtete meine Mutter immer einige Zeilen Kartoffeln. Das war stets eine recht schöne, große Ernte. In Rüsseina aber waren Bauern, besonders einer, der sagte: Ach, Frau Kantor, ich will schon ein paar Zeilen für Sie zurecht machen. Der nahm kein Pachtgeld, und wir hatten immer schöne Kartoffeln. Einmal, da nahmen meine Mutter und wir großen Jungen die Kartoffeln heraus, da kam der Bauer und fragte: Wer sind denn diese Männer? Das sind meine Söhne! erwiderte meine Mutter. Was sind denn die? fragte der Bauer weiter. Der eine ist Arzt, der andere Kandidat und der dritte Lehrer. Da war der Bauer noch williger.

So sind wir Kinder der Reihe nach herausgewachsen, aber aus dem Herzen der Mutter nicht! Ich weiß, wenn ich auch als Mann kam, so wußte sie genau, wie es um mich stand, so daß ich an das Wort denken mußte: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Jes. 66,13. Das verstand sie in prächtiger Weise. Sie verstand es auch an anderen Leuten. Zum Zeugnis dafür möchte ich zwei Tatsachen erwähnen. In Lugau waren verschiedene Bergdirektoren. Der eine hatte ein einziges Töchterchen, das sehr schwer krank war, so schwer, daß der Arzt wenig Hoffnung hatte, und er sagte: Wenn sie Frau Kantor gewönnen, die würde das Kind vielleicht durchbringen. So kamen sie zu meiner Mutter; diese machte sich auf und in ihrer lieben, verständigen, freundlichen Art wußte sie das Kind zu beruhigen; sie brachte es durch die Nacht hindurch und dann lebte das Kind noch lange Jahre, ob es heute noch, weiß ich nicht. Aber die Eltern hingen mit unauslöschlicher Dankbarkeit an meiner Mutter; alle Weihnachten wollten sie sie bei sich haben und es ging kein Festtag vorüber, ohne daß sie meiner Mutter gedachten. – Und als meine Mutter im Sarge lag, da kam eine Nachbarsfrau, die sagte: In meinem Hause wäre bald ein großes Unglück geschehen. Sie war die zweite Frau und der Mann war etwas barsch – da hatte meine Mutter sie getröstet und sie richtig angefaßt, daß sie nicht tat, was sie hatte tun wollen. – Das sind so einige Züge, die die Liebe des Sohnes an seiner Mutter sieht. – Als ich hier in Leipzig war, da konnte es wohl geschehen, daß man über diese bescheidende Frau hinwegsah, aber für mein Auge ist sie immer noch verehrungswürdig.

Nun noch einiges von mir. Von der Kreuzschule möchte ich erzählen, daß wir da in Kammern zusammenlebten, und zwar waren da allemal in jeder Kammer die Oberen und Unteren vertreten; der eine war der Vater, das war mein Freund Lungwitz, ein anderer die Mutter, das war ich, und so gings hinunter bis zu den Kleinsten, die wir „Möpse“ nannten und die den Oberen Dienste zu leisten hatten. – Im Winter frühmorgens waren die Waschbecken meist voll Eis gefroren, aber wir haben uns trotzdem ganz fröhlich gewaschen. Im Sommer standen wir um fünf Uhr morgens auf, dann wurde bis halb sieben gearbeitet, darauf gefrühstückt und sieben Uhr ging die Schule an. Im Winter eine Stunde später. – Ich habe als Student noch lange daran festgehalten, um fünf, spätestens um sechs Uhr aufzustehen. – Wir sangen in der Kreuzkirche unter der Leitung von Kantor Otto, aber die Motetten wurden von Präfekten geleitet. Ich wurde auch erster Präfekt in der Kreuzkirche und hatte die Motetten zu dirigieren.

Da fand ich in einem alten Notenschrank einmal Motetten von Johann Sebastian Bach; sie waren in besonderen Notenschlüsseln geschrieben (Diskant, Alt-, Tenor-, Baßschlüssel), jede anders. Ich dachte, das mußt du herauskriegen; ich schrieb die Sachen in moderner Weise um und fand die vielleicht einzig großartige Motette: „Singet dem Herrn ein neues Lied.“ Ich übte nun mit den Chorschülern die Motette ein und sagte es, wie es so weit war, dem Kantor Julius Otto (er hat das Lied „Das treue deutsche Herz“ komponiert). Der meinte das wird wohl nichts werden, das ist viel zu schwer für euch. Ich sagte: Wollen Sie es sich nicht einmal anhören? Er tat das und freute sich, daß sie Sache schon aus dem Gröbsten heraus war. Wir hatten den Organisten Pretzschner, der brachte in den Dresdner Nachrichten einen Aufsatz, daß diese berühmte Motette, die viele Jahre lang nicht gesungen worden wäre, nächsten Sonnabend in der Kreuzkirche aufgeführt werden würde. Die Motetten sind bis auf den heutigen Tag gut besucht, aber bei dieser Aufführung war die Kirche bis zur zweiten Empore hinauf gefüllt. Da kam der Kantor zu mit: Soll ich nicht dirigieren, wenn Sie vielleicht Angst haben? Ich sagte: Nein, ich habe keine Angst. So dirigierte ich die großartige Motette – ich kenne jede einzelne Note darin – und als ich mich später verabschiedete, da sagte der Kantor zu mir: Ich werde es Ihnen nicht vergessen, daß Sie die große Bachsche Motette hier eingeführt haben.

In Leipzig hatte ich das große Glück, hervorragende Freund an der Universität zu haben, von vornehmem Charakter, von großer wissenschaftlicher Bedeutung: Dr. Bernhard Gerth, der als Rektor am Albert-Gymnasium starb; Geheimer Studienrat Böttcher, jetzt im Ruhestand; Woldemar Götze, Direktor der Handfertigkeitsschule. Wir waren alle Sonntage zusammen und gingen ins Freie hinaus. Damals wurde die Plagwitzer Straße gebaut, es war noch alles roher Acker, auf welchem diese Straße dann befestigt wurde. Dort haben wir gelesen (soziale Schriften usw.), und diesem Kreise, wo ein jeder einer anderen Fakultät angehörte, verdanke ich außerordentlich viel, weil man da genötigt war, auf andere Gedanken einzugehen. Diesem Freundeskreise habe ich es auch zuzuschreiben, daß ich mich in den Alpen umsehen lernte.

Die Universitätsferien sind sehr lang, und sie würdig zu verbrauchen ist eine Kunst. Da war mein Freund Böttcher sehr klug. Er ging in die Realschule, was jetzt Frauenberufsschule ist an der Schillerstraße, und stellte es dem Direktor vor, wie äußerst wichtig es wäre, daß seine Schüler Stenographie lernten; er wollte ihnen Unterricht geben. Er brachte eine Anzahl Schüler für einen Kursus zusammen, und den Ertrag seines Unterrichts gab er her für die Alpenreise. Wir nutzten was wir hatten, und durch diese großartige Opferfreudigkeit sind wir sechs Wochen lang in den Alpen umhergestiegen. Das ging damals deshalb, weil noch nicht so viele Hütten und Gasthöfe dort waren; wir haben vielleicht sieben- oder achtmal im Heu geschlafen oder bei Pfarrern, und so sind wir über die Brendelscharte, an dem Großglockner vorüber, bis nach Bozen gegangen, über Meran und die Oetztaler Alpen nach Hause zurückgekehrt.

Dieser Bund von Freunden hat gehalten; wenn wir uns treffen, da brauchen wir nur den Mund aufzutun und es ist, als wären wir gestern erst zusammengewesen.

Am 1. Juni 1870 kam ich nach Leipzig. Es gab einen Oberkatecheten und fünf andere, zwei waren ordiniert. Wir hatten jeden Sonnabend nach der Motette die Betstunde zu halten, ebenso jeden Dienstag früh um 7 Uhr, auch im Winter, eine Betstunde in der Thomaskirche. Bei diesen Gelegenheiten erschien immer ein seltsamer Zuhörer, Professor Frege, und auch ein Stab von alten Leuten, die, wie wir wohl mich Recht annehmen dürfen, von Frege ihre Gaben erhielten und dachten, sie dürften es mit ihm nicht verderben. Frege war einer, des es nach dem Worte hielt: Schaffet eure Seligkeit mit Furcht und Zittern. Er war ein lieber Mensch, der in zwei Welten zu Hause war: in der Kunst, im Gesang und Theater – und in der Frömmigkeit.

Wir hatten, wenn eine Vakanz eintrat, die Stelle zu versehen. Als der hervorragende, originelle Prediger Schneider an der Georgenkirche – er erblindete, hatte aber eine so eigentümliche Weise zu predigen, daß Professoren, wie Kahnis und Luthardt, immer bei ihm zu finden waren – zu vertreten war, hatten wir oft recht gewaltig zu tun. Wir hatten jeden Monat drei Sonntage in Connewitz zu predigen. Connewitz gehörte damals zu Probstheida; der dortige Pfarrer hatte vier Kirchen zu versorgen: Holzhausen, Probstheida, Zuckelhausen und Connewitz. Jetzt ist jedes ein besonderes Kirchspiel.

Dann wurde ich Hilfsgeistlicher an der Thomaskirche, weil der Land-Superintendent, um seinem Amte vorstehen zu können, eine Hilfe brauchte. 1876 kam ich an die Peterskirche und 1884 wieder an die Thomaskirche. Es sind also schon wieder 32 Jahre, daß ich hier an dieser Kirche meines Amtes nach Kräften walte, aber es wird wohl jeder einsehen, daß nun die Zeit da ist. Man hängt mit vielen Fäden mit einem solchen Amt zusammen, und es kostet viele Erwägungen, viel Überwindung, ehe man die volle Freudigkeit hat, zu scheiden.