1890-1900 | Die Andreasgemeinde in Leipzig im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens. (Auszug)

Erinnerungsblätter, zugleich als Beitrag zur Geschichte des kirchlichen Lebens in Leipzig von Dr. phil. Alexis Schumann Pfarrer an St. Andreas.

Vorwort.

Ev. Joh. K. 1 V. 40
"Einer aber aus den zweien, die von Johannes hörten und Jesu nachfolgten, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus."

Am 1. Juni 1900 vollendet sich das erste Jahrzehnt, seitdem die Andreasgemeinde in Leipzig durch Abzweigung von der übergroß gewordenen Petersgemeinde ins Leben trat. Damit ist die Zeit ihres ersten Werdens und Wachsens vorüber. Nach innen und außen ist der Aufbau und Ausbau des kirchlichen Gemeindelebens in der Andreasparochie nunmehr zu einem gewissen Abschluß gekommen. Da scheint es geboten, auf diese Erstlingszeit die in mancher Hinsicht auch eine Zeit der ersten Liebe war, einen Rückblick zu werfen und für die Gemeindeglieder jetzt und in Zukunft die Erinnerung daran festzuhalten, wie dieses kirchliche Gemeindewesen in der äußeren Südvorstadt Leipzigs entstanden ist und wie es sich unter Gottes Hilfe und Segen in dem grundlegenden ersten Jahrzehnt seines Bestehens so rasch entwickelt hat.

Mögen diese Erinnerungsblätter helfen, den rechten evangelischen Gemeindesinn unter uns zu stärken und das Bewußtsein innerer und äußerer Zusammengehörigkeit in allen Kreisen der Gemeinde zu heben und zu beleben.

Vielleicht finden diese Blätter auch außerhalb der Andreasgemeinde bei denen Beachtung, welche sich für das kirchliche Leben Leipzigs und für das Werden und Wachsen einer großstädtischen Gemeinde in unserer Zeit überhaupt interessieren.

Für manche freundliche Mithilfe habe ich Herrn Architekt Weidenbach, dem Erbauer unseres Gottes-Hauses, sowie Herrn Küster Schmidt, für die treffliche Ausstattung des Büchleins aber Herrn Buchdruckereibesitzer O. Wittig den wärmsten Dank zu sagen.

Im Mai 1900.
Der Verfasser.

I. Zur Vorgeschichte der Gemeindegründung.

Ev. Math. Kap. 9, V. 37 u. 38:

"Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seine Ernte sende."

Seit Jahrhunderten schon hat Leipzigs Name unter den deutschen Städten einen guten Klang. Messen. und Universität, Buchhandel und Musik und so manche bedeutsame geschichtliche Erinnerungen, die sich an seine Mauern und an seine Umgebung knüpfen, haben Leipzig berühmt gemacht in der ganzen Welt. Aber zur Großstadt ist Leipzig doch erst in den letzten Jahrzehnten geworden. Man überschaue nur folgende Zahlenreihe, welche die überraschende Zunahme der Leipziger Bewohnerschaft veranschaulicht. (Die statistischen Angaben. sind zumeist aus dem "Statistischen Notizbuch für die Stadt Leipzig", bearbeitet von dem dortigen statistischen Amt, 1897, entnommen.)

Im Jahre 1800 hatte Leipzig . . . . . 32 146 Einwohner.

" " 1834 " "  . . . . .   44 802 "

" " 1852 " "  . . . . .   66 724 "

" " 1867 " "  . . . . .   90 967 "

" " 1871 " "  . . . . . 106 925 "

" " 1880 " "  . . . . . 149 081 "

" " 1890 " "  . . . . . 179 689 "

" " 1895 " "  . . . . . 183 137 "

Mit den einbezirkten Vororten Neu-Leipzigs hingegen betrug die Gesamt-Einwohnerzahl . . . . 1890 : 357 122, 1895: 399 969, so daß sie unter Annahme gleichmäßig fortschreitenden Wachstums für 1900: 439 200 Einwohner ergeben würde.

Dieser gewaltigen Bevölkerungszunahme gegenüber hat die kirchliche Versorgung Leipzigs anfänglich keineswegs gleichen Schritt gehalten. Wir können es uns jetzt kaum noch vorstellen, daß bis zum Jahre 1876 für ganz Leipzig nur zwei Kirchspiele bestanden, die Thomas- und die Nikolaigemeinde, und daß die sämtlichen Amtshandlungen für die ganze Stadt in der Thomas- und Nikolaikirche vollzogen werden mußten, wenn es daneben auch mehrere Predigtkirchen und Anstaltskapellen gab. Kein Wunder, wenn unter solchen Verhältnissen die Thomaskirche im Jahre 1875 nicht weniger als 2533 Taufen, 913 Trauungen, 791 Konfirmanden und 7546 Kommunikanten hatte.

Erst im Jahre 1876 wurden zwei neue Kirchspiele errichtet, indem die Matthäikirche (früher "Neukirche" genannt) und die Peterskirche Parochialkirchen wurden. Das bedeutete einen großen Fortschritt gegen früher. Und doch waren auch damit noch keineswegs befriedigende kirchliche Verhältnisse in Leipzig geschaffen. Besonders im Süden der Stadt entwickelte sich mehr und mehr ein großer kirchlicher Notstand. Denn gerade die äußere Südvorstadt vom Zeitzer Thor ab bis nach Connewitz hinaus war in einem überaus schnellen Aufschwung und Wachstum begriffen, und die große Armut, welche unter der dort wohnenden Bevölkerung vielfach herrschte, forderte eine besonders hingebende spezielle Seelsorge. 

Und wenn auch die mächtige neue Peterskirche, die in den Weihnachtstagen 1885 ihre Weihe empfing, der Gemeinde, für die sie den Mittelpunkt des kirchlichen Lebens bildete, weit näher und bequemer lag als die bis dahin im gottesdienstlichen Gebrauch gewesene kleine alte Peterskirche, an deren Stelle sich nunmehr das Gebäude der Reichsbank erhebt, so konnte doch auch dieses neue große Gotteshaus mit seinen etwa 2000 Sitzplätzen und mit den vier Geistlichen, die an ihm angestellt waren, für eine Gemeinde von mehr als 50 000 Seelen unmöglich schon als eine ausreichende kirchliche Versorgung gelten. Denn wenn auf eine einzelne geistliche Kraft weit mehr als 12 000 Seelen kommen, wenn in einer einzigen Gemeinde, wie es in St. Petri im Jahre 1889 der Fall war, 1526 Taufen und 552 Trauungen zu vollziehen und 850 Konfirmanden zu unterrichten sind, dann liegt schon in diesen Ziffern ein kirchlicher Notstand angedeutet, der dringend der Abhilfe bedurfte. 

Und von allen Seiten her wurde gerade damals Auge und Gewissen geschärft für das kirchliche Elend solcher großstädtischen Massengemeinden und auf kräftige Abhilfe gedrungen. Wiederholt schon hatte sich das evangelisch-lutherische Landeskonsistorium und die Landessynode mit der Frage der Teilung übergroß gewordener Kirchgemeinden und mit den Grundsätzen der Auspfarrung beschäftigt. Der Ruf nach kleineren, übersichtlichen Gemeinden war vielfach schon in der theologischen Litteratur, in den kirchlichen Zeitschriften, auf Pastoralkonferenzen laut geworden. Und schon regten sich auch in Leipzig selbst die Herzen und Hände, um der bestehenden Kirchennot abzuhelfen. 

Im Lutherjahr 1883 bereits war der Leipziger Kirchenbauverein ins Leben getreten und sein erstes Unternehmen war der Bau der Lutherkirche für den gleichfalls mächtig wachsenden und aufblühenden Westen der Stadt. Bei ihrer Grundsteinlegung am 11. November 1883 sprach es der um die Hebung des kirchlichen Lebens in Leipzig so überaus verdiente Superintendent D. Pank im Anschluß an Offenb. Joh. Kap. 21, V. 19 mit weitschauendem Blick für das, was auf kirchlichem Gebiete not sei, aus: "Wer Ohren hat zu hören, der höre: nur einen Grund hat die Kirche Gottes und doch hinwiederum einen ganzen Kranz von Gründen. Möge es auch hier bei diesem "ersten Grund" nicht bleiben, sondern an die Weststadt die Nordstadt und die Südstadt und Oststadt sich schließen zu einem Kranz von heiligen Gründen."

Vor allem war es doch immer aufs neue die mächtig sich ausdehnende äußere Südvorstadt, der sich das hilfsbereite Interesse der kirchlichen Organe und der städtischen Behörden zuwandte. Auch dem Stadtverein Innere Mission soll es unvergessen sein, wie treu er sich in jener Zeit besonders der Südvorstadt annahm und durch Einrichtung von Abendgottesdiensten und Kindergottesdiensten im Martinstift, durch die Verbreitung christlicher Blätter in den Häusern und durch die Mittel der Armendiakonie viel Gutes stiftete. 

Aber inzwischen hatte auch der Kirchenvorstand der Petersgemeinde selbst die Frage einer Gemeindeteilung und die Errichtung eines neuen Kirchspiels für den südlichen Teil der übergroßen Petersparochie in ernstliche Erwägung gezogen. Schon bei der Grundsteinlegung zu neuen Peterskirche am 17. September 1882 heißt es in der Weiherede des damaligen Pfarrers D. Fricke: "Wie lange wird es dauern, da werden wir zu einem neuen weiteren Kirchbau auch in dieser Parochie schreiten müssen." Und im Jahre 1885 suchte der Peterskirchenvorstand die städtischen Behörden für den Gedanken zu gewinnen, daß der beabsichtigte Neubau des Georgenhauses und der damit verbundenen Georgenkirche auf dem Platz neben der 6. Bürger- und Bezirksschule errichtet und die Georgenkirche zugleich Parochialkirche für die äußere Südvorstadt werden möchte. 

Doch konnte sich der Rat mit diesem Plan nicht befreunden und gewiß ist es gut gewesen, daß er nicht zu Ausführung kam, da eine solche Stiftskirche dem bestehenden Bedürfnis in keiner Weise hätte genügen können. Dagegen wurde auch seitens des Rates die Notwendigkeit selbst, ein neues Kirchspiel von der Petersgemeinde abzuzweigen, durchaus anerkannt und diesem Plan alle Förderung verheißen. Und so ging's nun, nachdem ein allseitiges prinzipielles Einvernehmen vorlag, immer schneller der Ausführung entgegen. Dabei herrschte von vornherein auch darüber volle Klarheit, daß es sich um Abzweigung des gesamten über die Körner- und Mahlmannstraße hinaus südlich liegenden Stadtteils handeln müsse, der damals schon eine Bevölkerung von ca. 20 000 Seelen zählte. Und auch das kam der geplanten Auspfarrung zugute, daß eine so klare und übersichtliche Abgrenzung zwischen dem alten und dem neuen Kirchspiel möglich war. 

Unter Zustimmung des Verbandes evangelisch-lutherischer Kirchengemeinden in Leipzig, zu dessen Kompetenz auch die Bildung neuer Kirchspiele innerhalb des von ihm umfaßten Stadtbezirks gehört, richtete nun der Kirchenvorstand der Peterskirche zunächst das Ersuchen an den Rat der Stadt, einen geeigneten Bauplatz für Kirche und Pfarrhaus unentgeltlich verwilligen und die Einstellung einer Summe von 30 000 Mark in den Haushaltsplan von 1889 als vorläufige Berechnungssumme für den künftigen auf etwa 250 000 Mark zu veranschlagenden Kirchenneubau genehmigen zu wollen. 

Es ist noch heute interessant, den besonnenen, grundsätzlich wichtigen Bescheid des Rates auf diese Anträge zu lesen. Es heiß in dem an den Verband gerichteten Ratsschreiben vom 14. April 1189: "Ebenso haben wir dem Antrag des Peterskirchenvorstandes, insoweit er die unentgeltliche Überlassung eines Bauplatzes für die Kirche betrifft, mit Zustimmung der Stadtverordneten im Prinzip stattzugeben beschlossen und behalten uns nur noch die näheren Festsetzungen dafür vor. Für die Kirche dürfte sich der kleinere der beiden Plätze eignen, welche im südlichen Bebauungsplan an der Scharnhorst- und der Hardenbergstraße in Aussicht genommen sind. Der Bitte hingegen um unentgeltliche Überlassung eines Platzes zu einem Pfarrhaus bedauern wir, da wir verschiedene andere Gemeinden mit ähnlichen Anträgen haben abweisen müssen, der Konsequenzen wegen nicht entsprechen zu können. Auch zu dem Beschlusse, in den Haushaltsplan für 1889 für den Neubau einer Kirche in der äußeren Südvorstadt die Summe von 30 000 Mark einzustellen, haben wir nicht die volle Genehmigung aussprechen können. Bei den stetig wachsenden Ansprüchen, welche die kirchlichen Bedürfnisse an die Steuerzahler stellen, scheint es und nicht unbedenklich, die gegenwärtige Generation mit den Baukosten einer neuen Kirche oder mit einem beträchtlichen Teil derselben durch Steuerzuschläge zu belasten. Vielmehr ist hier der Weg der Anleihe, falls Sammlungen nicht den erwünschten Ertrag haben sollten, der einzig richtige Weg, da er weder für die Gegenwart noch für die nähere Zukunft bis zur erfolgten Tilgung der Anleihe die Beschaffung des jährlichen Betrages besonders drückend macht. Wir haben daher zur Gründung eines Baufonds unter Ablehnung der 30 000 Mark nur den Betrag von 10 000 Mark für das laufende Jahr verwilligt." 

Mit diesem Bescheid gab sich der Peterskirchenvorstand unter Bezeugung des wärmsten Dankes für den in Aussicht gestellten, überaus geeigneten Bauplatz zufrieden. Jedoch vermochte er bei dem weiteren Vorschlag des Rates nicht Beruhigung zu fassen, der dahin ging, von einer sofortigen Abzweigung der neuen Parochie und von der Anstellung zweier Geistlicher für dieselbe vorläufig abzusehen, sich an einem Hilfsgeistlichen zur vorläufigen Versorgung der immer mehr wachsenden Amtsarbeit genügen und den neuen Kirchenbau seitens des Peterskirchenvorstandes selbst noch ausführen zu lassen. Die Annahme dieser Vorschläge hätte die Begründung der neuen Südgemeinde nicht nur hinausgeschoben, sondern auch erschwert. Auch lag schon von anderen Städten her die erprobte Erfahrung vor, daß es jedenfalls besser sei, neue Gemeinden sofort abzuzweigen und selbständig zu machen, und nicht erst auf den Bau der Kirche zu warten, sondern die Gottesdienste und Amtshandlungen inzwischen zum Notbehelf in Schulen, Turnhallen, Vereinssälen oder in Notkirchen abzuhalten. Und die hierauf gerichteten Vorstellungen bei der städtischen Patronatsbehörde waren auch mit dem besten Erfolg gekrönt. 

An einem Sonntag, dem 10. November 1889, an Luthers Geburtstag, brachte das Leipziger Amtsblatt die erste amtliche Bekanntmachung der Kircheninspektion, die Bildung einer neuen, von der Petersgemeinde abzuzweigenden Südparochie betreffend. Das war ein erster dankenswerter Erfolg all der Bemühungen, denen sich besonders der Vorsitzende des Peterskirchenvorstandes, Herr Pfarrer D. theol. Hartung, in selbstverleugnender Energie und Hingabe unterzogen hatte, wie sich derselbe auch weiterhin um die Begründung des neuen Kirchspiels unvergängliche Verdienste erworben hat. Schnell gings nun Schritt um Schritt vorwärts. Die Vorbereitungen zur ersten Kirchenvorstandswahl wurden alsbald getroffen. Verschiedene Aufsätze in der Leipziger Tagespresse weckten das Interesse der Bewohner der künftigen neuen Kirchgemeinde. Der südvorstädtische Bezirksverein, der auch für das kirchliche Leben der Südvorstadt immer ein warmes Herz bewiesen hat, nahm sich der Kirchenvorstandswahl durch Aufstellung einer Kandidatenliste an, welche allgemeine Zustimmung fand. Die Beteiligung an der Wahl selbst freilich, welche am 10. Dezember 1889 stattfand, war nur eine sehr mäßige, indem von 332 angemeldeten Wählern überhaupt nur 233 zur Wahlurne kamen. Gewählt wurden nach alphabetischer Reihenfolge die nachbenannten 11 Herren:

  • Maschinenfabrikant Joh. Ferd. Fickentscher,

  • Landgerichtsdirektor Walter Gensel,

  • Kaufmann Eduard Otto Kittel,

  • Oberamtsrichter Friedr. Emil Kunze,

  • Zimmermeister Franz Meyer,

  • Bankdirektor May Sauer,

  • Eiseleur Louis Scheele,

  • Schuldirektor Rudolf Schmidt,

  • Brandversicherungs-Oberinspector Chr. Thümmler,

  • Bankier Alwin Vieweger,

  • Amtsgerichtssekretär Ferdin. Anton Wolf.

Bereits am 3. Adventssonntag, den 15. Dezember 1889, erfolgte in der Peterskirche die feierliche Einweisung und Verpflichtung des neugewählten Kirchenvorstandes durch Pfarrer D. Hartung, der bis zur Wahl eines eigenen Pfarrers für das neue Kirchspiel mit dem Vorsitz beauftragt worden war. Viel ernste und verantwortliche Arbeit erwartete die neugewählten Kirchenvorsteher. Aber mit freudiger Begeisterung und in Gottes Namen legten sie Hand an die ihnen übertragenen Aufgaben. Waren es doch Männer, die sich durch einen bewährten kirchlichen Sinn und durch reife Lebenserfahrung auszeichneten. Sitzung folgte nun auf Sitzung, Beschluß auf Beschluß. Vor allem trug der neue Kirchenvorstand dem Rate den Wunsch vor, daß für das nunmehr zu besetzende Pfarramt der neuen Gemeinde nur der bisherige Archidiakonus an der Peterskirche, Dr. phil. Schumann, in Vorschlag gebracht werden möchte, was auch seitens der städtischen Patronatsbehörde bereitwillig geschah, worauf der genannte einstimmig zum Pfarrer gewählt wurde. Ebenso wurde der bisherige Küsterfamulus an der Peterskirche, Herr Andreas Schmidt, zum Küster für die neue Gemeinde gewählt. Die Wahl eines Organisten fiel unter zahlreichen Bewerbern auf den Musiklehrer Herrn Otto Kirmse. 

Aber noch immer hatte das neue Kirchspiel keinen Namen. Die verschiedenartigsten Vorschläge wurden laut. Schließlich einigte sich der Kirchenvorstand auf die Benennung nach dem Apostel Andreas, dem Bruder des Simon Petrus, um für alle Zeit durch diesen Namen die Erinnerung an die Abzweigung der neuen Parochie von der nachbarlichen Petersgemeinde festzuhalten. Und diese Namensgebung "Andreasgemeinde" fand auch allseitige Billigung und Zustimmung. 

Der Name freilich war leichter gefunden als ein geeigneter Raum für die Abhaltung der Gottesdienste und für den Vollzug der kirchlichen Amtshandlungen. Denn es war vorauszusehen, daß noch mehrere Jahre vergehen würden, bis das geplante neue Gotteshaus fertiggestellt werden könnte. Zuerst dachte man an die Turnhalle der 6. Bürgerschule, um der Gemeinde darin allsonntäglich ein gottesdienstliches Heim einzurichten. Dann wurde die noch geräumigere Turnhalle des südvorstädtischen Turnvereins dazu angeboten. Schließlich wurde durch freundliches Entgegenkommen der städtischen Schulbehörde der schöne, helle und große Saal der 8. Bezirksschule, der freilich auf 96 Stufen erstiegen werden muss, gewählt. Ein anstoßendes Schulzimmer diente sonntäglich als Beichtkapelle. Das für den Mädchenhort bestimmte Zimmer im Erdgeschoß wurde für die Taufen und für die Bibelstunden zur Verfügung gestellt. Geeignete Räume für eine vorläufige Kirchenexpedition fanden sich Arndtstraße 30b. Schnell mußte es an die Beschaffung aller notwendigen Ausstattungsgegenstände für alle diese Räume und für die künftigen Gottesdienste der Gemeinde gehen. Aber frohe und frische Begeisterung beflügelte Hand und Schritt. 

Der neuerwählte Pfarrer verabschiedete sich am 26. Mai 1890, am 2. Pfingstfeiertag, in der Peterskirche von seiner bisherigen Gemeinde. Durch ein vom ihm verfaßtes und in allen Häusern verbreitetes Flugblatt war er bemüht gewesen, von vornherein Vertrauen zu gewinnen und lebendiges Gemeindebewußtsein zu wecken. So war alles für den eigentlichen Geburtstag der neuen Andreasgemeinde zugerüstet, zu dem der erste Juni 1890, das Trinitatisfest, bestimmt worden war.