Direktor Oskar Sell

geboren 20. November 1857, gestorben 13. September 1923

Das wissen wir längst, ohne Pastor Sell ist das Armendirektorium nicht mehr denkbar“ – So etwa wörtlich hieß es in den Begrüßungsworten des Herrn Bürgermeister Dr. Weber, als er, dort in der Taufkapelle der Peterskirche, den Genannten bei seinem 25jährigen Jubiläum als Geistlicher namens des Rates und des Armendirektoriums beglückwünschte. – Der Jubilar von damals ist heimgegangen, am 13. September 1923, nachdem er kurz vorher als Direktor des Fürsorgeamtes der Stadt Leipzig in den Ruhestand getreten war. Wir meinen, es würde diesem Jahrbuch etwas fehlen, wenn seiner darin nicht, wär’s auch nur mit wenigen Worten, gedacht würde. Denn mit Direktor Sell ist ein seltener Mann hingegangen. Das beweist schon sein Übergang vom geistlichen Amt in das für ihn neu begründete Amt des Armenamtsdirektors. Mit großen und vielseitigen Gaben verbanden sich in ihm die besten Charaktereigenschaften, unverwüstliche Arbeitskraft, warmherzigste Hingabe an seine Beruf und für die Menschen, denen sein Wirken galt.

Durch dreißig Jahre ist er als Geistlicher tätig gewesen, in seiner Petersgemeinde als Seelsorger ein beliebter und geliebter Mann, im Kirchenvorstand und im Verband der Kirchgemeinden von gewichtiger Stimme, bei seinen Amtsgenossen, die ihm gar manches zu danken haben, hochangesehen. So war er bei der Wahl zur Synode im Jahr 1901 mit als Kandidat aufgestellt und es hing an einem Haar, daß sein Name als der erkorene aus der Urne hervorging.

Als Archidiakonus Binkau von St. Nikolai starb, der lange Jahre treu verdientes Mitglied des Armendirektoriums gewesen war, wählte man Ende Sommers 1986 unseren Sell an dessen Stelle. Mit seiner bewundernswerten Arbeitskraft und Gesundheit, die ihm die Nacht zu kürzen erlaubte, bewältigte er, ohne sein geistliches Amt hintanzusetzen, die neuen Aufgaben dieses Ehrenamtes, in welchem ihm manche wichtige Arbeiten, z.B. für die Einrichtung der in der Gründung begriffenen Heilanstalt Dösen, zufielen. Es war ihm eine Freude, mit dem Dezernenten des Armenamtes, Stadtrat, später Bürgermeister Dr. Weber in nie getrübtem, gegenseitigen Verstehen Hand in Hand arbeiten zu können. Er gewann dessen ganzes Vertrauen wie auch das des ganzen Armendirektoriums. So war er, der ja vordem auch Armenpfleger und dann Distriktsvorsteher gewesen war, der rechte Mann für die Stelle eines Direktors des Armenamts, die man wegen der immer größeren Ausdehnung der Geschäfte und Aufgaben schuf. Sell ließ sich gewinnen, schied aus seinem Kirchenamte aus und übernahm das neue Amt im Dezember 1911. Was er da nun geleistet, kann hier nur angedeutet werden. Es sei besonders an die Riesenarbeit erinnert, welche die Kriegszeit für ihn brachte, an die Kriegsnotspende, die er ins Leben rief und leitete u. a. m. Alles organisatorisch Notwendige wußte er zu bewerkstelligen; unermüdlich war er auf Rat und Hilfe für alles Einzelne und jeden Einzelnen bedacht. Distriktsvorsteher und Pfleger fanden bei ihm stets freundwilliges Gehör. Es war für diese wie für die Beamten des Amtes eine Freude, mit ihm zu arbeiten. Daß er die Gemeindeschwestern für die Fragen der öffentlichen Armenpflege zu interessieren und eine gewisse Verbindung zwischen jener und diesen herzustellen wußte, kam den in Betracht kommenden Pfleglingen des Fürsorgeamtes sehr zugute. Besonders hervorgehoben seien noch seine Verdienste um die Erziehungs- und Pflegeanstalt Lindenau. Sie war in ihrer Art seine Schöpfung. Auf sie war er stolz. Und er konnte es sein. Er hatte es verstanden, die Anstalt zu einer großen Familie zu machen, das Nebeneinander zum Füreinander zu gestalten. Wenn er durch die Anstalt ging, jedes kannte ihn, für jedes, ob Alter oder Jugend, hatte er ein freundliches Wort. Und wer einmal einer Weihnachtsfeier beiwohnen durfte, spürte mit Überraschung und herzlicher Freude den schönen Geist dieser „seiner“ von ihm mit besonderer Liebe geleiteten Anstalt.

Wegen erreichten Alters wurde er Mitte 1923 in den Ruhestand versetzt. Da raffte den noch in voller Kraft stehenden Mann – er wollte diese gern gelegentlich hilfsweise wieder in den Dienst der Kirche stellen – schwere Krankheit hinweg, wenige Wochen nach dem Hinscheiden des Mannes, mit dem ihn so lange Jahre Arbeit und Freundschaft verbunden hatte, des Bürgermeisters Dr. Weber. Nun ruht er draußen auf dem Südfriedhofe – ein großer Steinblock ohne Namen und Inschrift bezeichnet sein Grab. Er liebte es nie, daß Wesens von ihm gemacht würde. Sein Gedächtnis aber bleibt in Ehren und im Segen. 
W.