Zum 25jährigen Bestehen der Peterskirchgemeinde in Leipzig am 1. Osterfeiertag 1901.

Am ersten Osterfeiertag 1876 (am 8.* April) ist die neue Parochie der Peterskirche, die damals am Petersthore, wo jetzt die Reichsbank steht, sich befand, ins Leben getreten; und so ist es ein Zeitraum von 25 Jahren der Gemeindearbeit und des Gemeindelebens, auf den sie zurückschaut.

(* Entgegen der Druckfassung war der erste Osterfeiertag im Jahr 1876 am 16. April. Dies ist teilweise handschriftlich geändert worden).

Bis dahin waren in ganz Leipzig nur die beiden Parochien der Thomas- und Nikolaikirche, und auch dieser Unterschied lebte wenig im Bewußtsein der Gemeinde. Die Wahl des Beichtvaters war, wie noch heute, völlig frei, aber bei der Nähe der beiden Kirchen aneinander war nicht die Kirche, sondern die Persönlichkeit der betreffenden Geistlichen maßgebend. Daher kam es, daß, als es sich um die Abtrennung von zwei Gemeinden, der Peterskirch- und Matthäikirch-, damals Neukirchgemeinde handelte, in weiten Kreisen der Bevölkerung dafür kein Verständnis war und die Verhandlungen darüber sich jahrelang hinauszogen.

Erst am 6. September 1875 war der Peterskirchenvorstand gewählt, am 7. November eingeführt, am 20. November der Oberkatechet D. Fricke als Pfarrer gewählt, am 30. Januar 1876 als solcher eingeführt worden. Zu Ostern sollte die Parochie mit 3 Geistlichen, von denen der Diakonus, der frühere Katechet Dr. Emil Joseph Krömer, am Tage des Anfangs der parochialen Arbeit, der Archidiakonus Ernst Bruno Hartung, früher Diakonus in Borna, erst später gewählt und eingewiesen wurde, ihre Thätigkeit beginnen.

Die alte Peterskirche war nach alten, allerdings nicht verbürgten Nachrichten als Meßkapelle (Peterskapelle) die älteste unter den Leipziger Kirchen, schon von Konrad dem Großen im 12. Jahrhundert erbaut. Nach der Reformation war sie dem kirchlichen Gebrauch entzogen und erst im Jahre 1711 in der Zeit des Pietismus ihm wiedergegeben worden. Der Geistliche, der vornehmlich in ihr zu predigen hatte, hieß Oberkatechet und ihm waren als Katecheten eine Anzahl jüngerer Theologen, zuletzt 5, beigegeben, aus denen sich dann zum guten Teil die Leipziger Geistlichkeit heranbildete. Der Oberkatechet hatte, auch ehe die Kirche Parochialkirche war, das Recht, Beichte zu halten und Konfirmanden anzunehmen, und auch um den letzten Oberkatecheten, der 1865 von Kiel dorthin gekommen war, Prof. Dr. Gustav Adolf Fricke, hatte sich eine stattliche Beichtgemeinde gesammelt. Für die Bedürfnisse einer Parochialkirche mit ihren Beicht- und Konfirmandengemeinden, für die Versammlungen bei Taufen und Trauungen waren einige Anbauten nötig, die durch einen kleinen Turm mit Glocke vervollständigt wurden.

Zu der neuen Parochie, die in ihrem ganzen Umfang von der Thomaskirche abgezweigt wurde, gehörte die ganze Südvorstadt von der Emilienstraße und dem Floßplatz an und die Ostvorstadt vom Bayrischen Bahnhof der Nürnberger Straße entlang bis an die Roß- und Lindenstraße, die Ulrichsgasse und Sternwartenstraße ausgenommen. Es war damals nicht leicht, sich zurechtzufinden. Das evangel.-luth. Vereinshaus z. B. gehörte drei Gemeinden, nach der Ulrichsgasse St. Thomä, nach der Nürnberger Straße St. Petri, nach der Roßstraße St. Nikolai an, und die Grundstücke zwischen Windmühlenstraße und Brüderstraße gehörten nur mit ihrer der Peterskirche abgewandten Seite zu dieser. Die Seelenzahl betrug nach der Volkszählung von 1871 20237.

Dieser Gemeinde war es nicht leicht, sich an die kleine unscheinbare Kirche, die von dem Anfang der Parochie fast 10 Minuten entfernt war, zu gewöhnen. Wie oft zogen sie scharenweise an ihr vorüber, wie schwer ließen es sich die Brautpaare begreiflich machen, daß sie hier getraut werden sollten, wie versuchten es die Konfirmanden, bei den alten Kirchen anzukommen, die allein als voll galten! Aber während die schon bestehenden Straßen der Parochie nur allmählich, eher die umliegenden eigentlich bei St. Thomä verbliebenen Straßen an die alte Kirche sich gewöhnten, erwuchs den Geistlichen der Kirche ein neues Arbeitsfeld in der äußeren Südvorstadt. Dort erstand Haus an Haus, Straße an Straße. Dort siedelte sich eine zum Teil sehr arme Bevölkerung an, die mit großem Dank die Besuche ihrer Geistlichen aufnahm. Weil sie erst nach und nach erstanden, konnten diese Häuser fast einzeln eines nach dem anderen in Obacht genommen werden. Da draußen bildete sich eine Petersgemeinde ohne Kirche, während drinnen eine Peterskirche ohne eigentliche Gemeinde war.

Dies wurde schon wesentlich anders, als um Ostern 1878 das von dem jüngst verstorbenen Baumeister Vogel erbaute Pfarrhaus an dem Schletterplatz, dem seit lange bestimmten Bauplatz der neuen Kirche bezogen werden konnte. Wer noch daran zweifelt, wie notwendig auch für großstädtische Gemeinden die Erbauung eines Pfarrhauses ist, der möge sich aus jenen Tagen erzählen lassen, in denen sich die seelsorgerliche Thätigkeit samt den darauf gegründeten Amtshandlungen binnen weniger Monate mehr als verdoppelte. Und wie wurde die Thätigkeit der Geistlichen durch die Entfernung der Kirche erschwert!

Dreimal, viermal am Tage mußte einer hinein und heraus, früh zu Trauungen, zwischen denen wohl von 11 bis 12 Uhr eine Konfirmandenstunde zu halten war, um 2 Uhr zu Taufen, um 4 Uhr wieder zur Konfirmandenstunde, dazwischen hielt am Hause oder an der Kirche der Wagen, der zu Begräbnissen abholte, nicht etwa nach dem Friedhofe, sondern nach dem Trauerhause. Denn vor der Einführung der Begräbnisordnung vom Jahre 1885 wurde in der Regel jedes Begräbnis in langsamer Fahrt durch den Geistlichen vom Trauerhause zum Friedhofe geleitet. Die Rede wurde, zumal bei schlechtem Wetter, da noch keine Friedhofskapelle da war, meist im Hause gehalten. Was für ein Zeitverlust, bisweilen mehrere Fahrten an einem Tage zum Friedhofe hinaus! 

Einzelne Geistliche der Kirche hatten in einem Jahre über 200 Begräbnisse, mit denen sie fast sämtlich hatten hinausfahren müssen. Und in den wenigen übriggebliebenen Stunden waren die Besuche zu machen, die bei den großen Entfernungen von der Promenade und der Thalstraße bis zur Fichtestraße hinaus ohne die jetzigen Verkehrsmittel – die Pferdebahn ging anfangs aller 20 Minuten – ungeheuere Zeit in Anspruch nahmen.

Unmittelbar vor der Gründung der Parochie am 1. Januar 1876 war das Civilstandsgesetz in Kraft getreten. Neben der Befriedigung darüber, daß man nun außerhalb des Schattens der Kirche leben könnte, fand sich viel Unverstand auch bei nicht unkirchlichen Leuten, als ob man sich nun nicht mehr „trauen zu lassen brauche“. Und doch gab es von Anfang an nicht gar viele, die die Mitwirkung der Kirche verschmähten, und gerade von denen aus der ersten Zeit haben viele sie nachgeholt. Es war die Zeit, in der die sociale Frage noch mehr als jetzt die Gemüter erhitzte und die Stände entzweite, auch viele der Kirche entfremdete, und doch lassen sich die Veranlassungen zählen, bei denen Geistliche eine unfreundliche Aufnahme fanden.

Die Gemeinde war vom Jahre 1871 bis 1880 von 20000 auf 38797 gestiegen. Die Anstellung eines weiteren Diakonus, Thilo Schuch, wurde notwendig. Als dieser 1883 nach der Nikolaikirche kam, trat der gegenwärtige Archidiakonus Oskar Sell, vordem Hilfsgeistlicher, an seine Stelle. Als Dr. Krömer Anfang 1885 nach der Thomaskirche kam, wurde der bisherige Oberpfarrer in Waldenburg, Dr. Alexis Schumann, zum ersten Diakonus gewählt.

Inzwischen war der Bau der neuen Kirche begonnen wurden. Infolge eines Preisausschreibens, auf das hin 80 Entwürfe eingingen, wurde der Bau dem Architekten August Hartel in Krefeld, der zu diesem Zweck nach Leipzig übersiedelte und sich mit dem Baurat Lipsius zu einer Firma Hartel und Lipsius vereinigte, übertragen. Am 13. März 1882 war der erste Spatenstich geschehen, am 17. September 1882 der Grundstein gelegt worden. Am 27. Dezember 1885 wurde sie eingeweiht. Von dem damaligen Archidiakonus Dr. Hartung wurde in einer Denkschrift „Die alte und die neue Peterskirche“ die Geschichte beider Kirchen dargelegt. 

Auf das lebendigste hatte sich die Gemeinde, hatte sich die ganze Stadt an dem Bau dieser ersten evangelischen Kirche in Leipzig seit der Reformation beteiligt. Während die Steine sich in rascher Arbeit an einander fügten, war es, als würde die Gemeinde selber sich immer mehr ihrer Zusammengehörigkeit bewußt, und nun war die mit der Abtrennung fast 10 Jahre vorher erstrebte Selbständigkeit zur Thatsache geworden.

Getrübt wurde die Freude an der neuen Kirche durch die mangelnde Akustik. Aber war dieser Fehler von Anfang an, besonders als einige Musikaufführungen darunter gelitten hatten, weit übertrieben worden, so hat die Zeit, die erfahrungsgemäß auf die Akustik großer Räume günstig wirkt, und die unermüdete Fürsorge des Kirchenvorstandes diesen Schaden doch so weit geheilt, daß die Peterskirche gleichgroßen Räumen in dieser Beziehung kaum nachstehen dürfte.

Das Jahr 1887 brachte eine neue wichtige Änderung.

Der treuverdiente Pfarrer der Gemeinde D. Fricke, der insbesondere an den Kirchbau seine volle Kraft gesetzt hatte, sah sich durch die Rücksicht auf sein akademisches Lehramt veranlaßt, sein Pfarramt niederzulegen, und an seine Stelle trat der bisherige Archidiakonus, dem die übrigen Geistlichen nachrückten, während an die Stelle des 2. Diakonus der bisherige Pfarrer in Bockendorf bei Hainichen Martin Thieme berufen wurde. Um dieselbe Zeit wurde die Gemeinde zunächst für Fälle der Seelsorge, in denen ein besonderer Geistlicher nicht begehrt wird, in vier Seelsorgerbezirke geteilt, ein Rahmen, der sich inzwischen auf mancherlei Weise ausgefüllt hat und noch weiterer Ausgestaltung fähig ist.

Immer weiter dehnten sich die Straßen der in unglaublichem Maße wachsenden Südvorstadt, die Amtshandlungen und sonstigen Arbeiten mehrten sich fast von Monat zu Monat, so daß eine baldige Trennung der Parochie, 1885 schon 47169 Seelen, zur Notwendigkeit wurde. Verzögert wurde sie durch die Rücksicht auf die inzwischen geführten Verhandlungen der einzelnen Kirchenvorstände wegen eines Verbandes evangelisch-lutherischer Kirchengemeinden, durch den die äußeren Bedürfnisse, deren Deckung dem anfangs wenig bemittelten Südkirchspiel schwer gefallen wäre, auf die Gesamtgemeinde übertragen werden sollte. Kaum war aber dieses Ziel erreicht, so wurde Ernst gemacht. 

Der Kirchenvorstand hätte am liebsten gleich eine zweite Teilung in Aussicht genommen und erbat zu diesem Zweck vom Rat der Stadt neben dem Kirchbauplatz im Süden noch einen weiteren, etwa in der Nähe des Scheibenholzes. Der Rat trug Bedenken, auch letztere Bitte schon jetzt zu erfüllen, aber mit größter Bereitwilligkeit schenkte er alsbald den herrlichen Platz, auf dem jetzt die Andreaskirche steht.

Am 1. Juni 1890 wurde das Südkirchspiel, das bald im Bewußtsein der brüderlichen Stellung zur Peterskirche sich Andreaskirchspiel nannte, abgezweigt. Es war eine Freude, aber zugleich ein Gefühl des Abschieds, das den Kirchenvorstand dabei bewegte. Denn einige ihrer Kirchenvorsteher, unter ihnen der stellvertretende Vorsitzende, der Landgerichtsdirektor Gensel, und der in 5jähriger Thätigkeit an der Kirche bewährte und allen lieb gewordene Archidiakonus Dr. Schumann, der zum Pfarrer an der neuen Gemeinde berufen wurde, sowie der Küsterfamulus Schmidt, gingen nach der neuen Gemeinde hinüber. Und gerade da draußen waren ja die ältesten Beziehungen zu der Peterskirche angeknüpft worden, die sich nun lösen sollten. 

Eben dadurch aber wurde die Lösung erleichtert, daß Pfarrer und Kirchenvorsteher von der alten Kirche mitkamen, und kaum je hat sich eine Parochialtrennung nach allen ihren Beziehungen leichter und rascher vollzogen als diese. Und mit Freuden haben wir dann die schöne Kirche mit dem schmucken Pfarrhaus sich erheben und lebendiges Gemeindebewußtsein sich entfalten sehen.

Nach Weggang von Dr. Schumann rückten die Diakonen Sell und Thieme in die leergewordenen Stellen und der Hilfsgeistliche Joh. Eckardt in das 2. Diakonat ein. Wie der Süden der Gemeinde zur Andreasparochie, so wurde danach 1892 der Osten zur Johannisparochie abgezweigt. Wie die Achse der Körnerstraße nach Süden, so wurde die Achse der Liebigstraße nach Norden zu die Grenze, wie denn überhaupt der Grundsatz nicht zwischen den Straßen, sondern auf die Straßenachse selbst die Grenzen zu verlegen derartige Teilungen wesentlich vereinfacht hat. 

Zu gleicher Zeit wurden die Grenzen nach der Thomasparochie zu etwas geändert, indem sie von der Liebigstraße ab auf die Achse der Windmühlenstraße, Härtelstraße, Münzgasse und Mozartstraße gelegt wurde. Nur am Floßplatz und auf der Albertstraße ist diese Grenzlinie ein kurzes Stück unterbrochen, indem etliche Häuser wegen der großen Nähe der Peterskirche bei dieser verblieben sind. Es verblieben 33438 Seelen, die bis 1895 zu 34641 angewachsen sind.

Eine Ausdehnung hat das Kirchspiel seitdem nur durch den Ausbau des Stadtteils jenseits der Pleiße erfahren, wo eben jetzt auch fast alles bebaut ist. Eine neue Erweiterung steht ihr erst dann bevor, wenn die große Leipziger Bahnhoffrage gelöst und das Gebiet jenseits der Bayrischen Bahn nach dem Napoleonstein und dem Südfriedhof hinaus aufgeschlossen ist. Der Kirchenvorstand hat schon vom Rat die Zusage erhalten, daß für den festgesetzten Bebauungsplan auch ein Kirchbauplatz vorgesehen sei. Im eigentlichen Grundstock der Parochie, in den größtenteils enggebauten Straßen zwischen der Emilienstraße und der Körnerstraße, ist kaum noch ein vereinzelter Bauplatz frei. 

Diese Gegend nimmt immer mehr das Gepräge der inneren Stadt an. Höfe und Gärten werden immer mehr von Gebäuden, meist Geschäftsräumen, angefüllt. Ein Zuwachs der Bevölkerung ist hier kaum noch zu erwarten, eher, wie in der eigentlichen Stadt, eine Abnahme. Wie ganz anders ist das geworden! Das Peterskirchspiel, das sich einst frei und weit nach dem Süden hinaus entwickelte, gehört jetzt zu den geschlossensten der ganzen Stadt. Wie die Menschen, die vor 25 Jahren jung waren, jetzt zu den Alten gezählt werden, so ist auch die damals jugendliche Gemeinde gar bald ins Alter eingetreten. Nur daß alle, die Einzelnen, wie die Gemeinde danach trachten, sich ihre Jugend in Gotteskraft zu bewahren!

Dem Kirchenvorstand haben in dieser Zeit angehört: als stellvertretende Vorsitzende Rechtsanwalt Dr. Fiebiger (nur bis Herbst 1876), Oberstaatsanwalt Hoffmann (bis 1887), Landgerichtsdirektor Gensel (bis 1890), Oberamtsrichter Mannsfeld (bis 1892), Oberamtsrichter Kranichfeld (bis 1899), Oberamtsrichter Kunze; außerdem die Herren Buchdruckereibesitzer Bär, Geheimrat Prof. Dr. Curtius, Schuldirektor Dr. Kühr, Direktor Dr. Lion, Reichsoberhandelsgerichtsrat Mohrmann, Schuldirektor Dr. Nöldeke, Prof. Dr. Schuster, Kommerzienrat Wilh. Stengel, Kaufmann Ferd. Selle, Baumeister D. G. Vogel (wurde an dem Tage beerdigt, an dem er 25 Jahre früher, als Kirchenvorsteher eingetreten war).

Diese Herren bildeten den ersten Kirchenvorstand, zu ihnen kamen Kommerzienrat Benndorf (1876), Kreissekretär Francke, Hofbaumeister Brückwald, Instrumentenfabrikant Wancke, Rechtsanwalt Weber, Kommissionsrat Kahnt (1878), Amtsrichter Knoth, Stadtrat Dr. Messerschmidt, Zimmermeister Wagner (1881), Direktor Dr. Colditz, Kommerzienrat J. Meißner, Landgerichtsdirektor Priber, Schuldirektor Reimer (1884), Privatmann Leuthier, Oberamtsrichter Kranichfeld, Reichsgerichtsrat Freiesleben (1885), Brandversicherungsoberinspektor Thümmler, Kaufmann C. Ruschpler, Rechtsanwalt Dr. Rienholdt, Kaufmann A. Schlicke, Schlossermeister Sauer (1887), Betriebsoberinspektor Winter, Kaufmann C. Baumeyer, Oberlehrer Dr. Wolf (1889), Architekt Weidenbach, Prof. Reuther, Landgerichtsdirektor Hoffmann (1892), Schornsteinfegermeister Graupner, Privatmann Gruner (1893), Rechtsanwalt Dr. Brox, Kaufmann Emil Theuerkauf (1894), Architekt J. Zeißig (1896), Rechtsanwalt Dr. Weniger (1897), Rechtsanwalt Dr. Barth, Direktor Dr. Scherfig, Kaufmann Schümichen (1898), Architekt Max Vogel.

Dem Kirchenvorstand hat besonders in der Zeit der Neubildung der Gemeinde, des Kirchbaus, der Parochialteilung und auch sonst viel Arbeit oblegen; aber auch das innere Leben ist Gegenstand seiner Fürsorge gewesen. Bei den kirchlichen Vereinen und Liebeswerken ist er im Vorstand vertreten. Seit der Kirchenvisitation Januar 1899 nimmt er auch persönlich an den Mahnungen der Tauf- und Trausäumigen teil. 

Geistliche hat die Peterskirche in diesen Jahren nur sieben gehabt, D. Fricke, Pfarrer bis 1887; D. Hartung, Archidiakonus bis 1887, dann Pfarrer; Dr. Krömer bis 1881 einziger, dann bis 1885 erster Diakonus. Schuch, 1881-83 erster Diakonus; Sell, 1883 zweiter, 1887 erster Diakonus, 1890 Archidiakonus; Dr. Schumann, 1885 erster Diakonus, 1887-1890 Archidiakonus; Thieme 1887 zweiter, 1890 erster Diakonus; Eckardt, 1890 zweiter Diakonus.

Der Kirchengesang wurde in der alten Kirche von Thomanern, in der neuen von Musikdirektor M. Vogel, seit 1893 von Kantor Jahn geleitet, Organist war bis 1894 K. Stiller, von 1895 ab Dr. Stade.

Das Küsteramt hat in der ganzen arbeitsvollen Zeit Küster Dietze verwaltet, Küsterfamulus waren bis 1890 Schmidt, bis 1896 Böttcher, von da ab Böhme, Kirchendiener Krauß, Gürtler, Dallmer.

Die Gottesdienste finden zu den gewohnten Stunden Sonntags früh 9 Uhr, abends 6 Uhr statt. Kindergottesdienst ist allsonntäglich seit dem Sonntag Reminiscere 1889, nach dem Gruppensystem seit dem Sonntag Kantate desselben Jahres. Die Knabengruppen haben meist Zöglinge aus dem zur Parochie gehörigen evang.-luth. Missionshaus, die schon durch ihre Persönlichkeit auch die Mission den Kindern wert machten und vielfach noch aus der Ferne Beziehungen zu ihnen unterhielten, unterrichtet. 

Die Mädchengruppen wurden von treuen Helferinnen aus der Gemeinde geleitet. Gegen 1000 Kinder gehören ihm von Jahr zu Jahr an, um die Weihnachtsfeier war diese Zahl oft weit überschritten, in der Sommerzeit, in der der gemeinsame Spaziergang die Kinder mit dem Helferkreis und vielen von den Eltern zu vereinigen pflegt, meistens erreicht. Und nicht minder gesegnet sind die wöchentlichen Vorbereitungsstunden Freitag abends ½8 Uhr, von denen viele bekannt haben, mehr als sonst durch irgend etwas in das Verständnis der h. Schrift eingeführt worden zu sein.

Diesem letzten Zwecke wollen insonderheit die Bibelstunden dienen. Wieviel giebt es in der heil. Schrift für christliche Erkenntnis und für christliches Leben, das die Predigt gar nicht erschließen kann! Und nichts Schöneres kann es für ein Gemeindeleben geben, als wenn, auch abgesehen von den Gottesdiensten, solche, die ein Verlangen nach christlicher Wahrheit haben, und dies Verlangen geht lebhafter, als wir es ahnen, durch weite Kreise unseres Volkes, sich in engerer Gemeinschaft um die Geistlichen sammeln. Dann würden auch viele, die jetzt in den Sekten Befriedigung für ihren Drang nach christlicher Gemeinschaft suchen, diese in der Kirche finden. Und doch sind die Bibelstunden, die Jahr für Jahr während des Winters gehalten werden, wenig besucht. Möchten diese Worte dahin wirken, ihnen viele Freunde zuzuführen!

Auch der freiwillige Kirchenchor dient dazu, manche im kirchlichen Interesse zu vereinigen. 1893 von Kantor Jahn gegründet, hat er in Gemeinschaft mit dem bezahlten Kirchenchore zum Schmuck der Gottesdienste und durch geistliche Musikaufführungen zur Förderung wohlthätiger Zwecke und zur Erbauung der Gemeinde beigetragen.

Hier mag ein Verzeichnis der wichtigen Amtshandlungen aus diesen 25 Jahren folgen.

 

   Taufen

    Konfirmanden

   Kommunikanten

   Trauungen

   Begräbnisse

1876

792

91

2846

152

 

1877

1188

208

3388

301

 

1878

1246

281

4087

310

 

1879

1279

321

4856

327

 

1880

1493

410

5488

359

 

1881

1395

333

5725

361

 

1882

1457

454

6497

414

 

1883

1603

438

6944

405

 

1884

1586

609

7275

462

 

1885

1461

411

4848

452

 

1886

1642

632

7389

475

385

1887

1544

762

8263

534

453

1888

1579

877

9032

548

491

1889

1526

850

8865

552

511

1890

1198

925

9660

462

452

1891

911

799

9156

336

391

1892

862

844

9472

262

509

1893

756

723

9090

274

511

1894

695

711

8845

288

472

1895

727

611

7573

247

524

1896

699

686

7752

319

474

1897

699

657

7896

340

516

1898

713

620

8028

360

501

1899

681

695

8661

353

510

1900

657

640

7275

346

514

Parochiale Begräbnisregister giebt es erst seit Mitte des Jahres 1885.

Welches veränderte Bild zeigen diese Zahlen! Nach einem stetigen Fortschritt in den ersten Jahren der Rückgang infolge der Abtrennungen, aber auch dann kein Fortschritt mehr. Nehmen wir den Bericht des letzten Jahres zur Hand, so ist der Rückgang bei den Amtshandlungen unter einer nicht mehr wesentlich wachsenden Bevölkerung ein zufälliger, bei den Konfirmanden sogar erwünscht, denn immer mehr wurden solche, besonders aus den Grenzstraßen benachbarter Parochien diesen zugewiesen. 

Schmerzlich dagegen war uns der in diesem Maße ganz unerwartete Rückgang der Abendmahlsziffer. Bis zur Vollendung der Andreaskirche war auch diese unter einzelnen Schwankungen stetig gewachsen, hatte dann infolge der verschiedenen Abtrennungen stark abgenommen. In den letzten Jahren war es in erfreulicher Weise vorwärts gegangen, bis dieser Rückschlag eintrat. Mögen auch zufällige Umstände dabei mitgewirkt haben, so tritt darin erschreckend zu Tage, in welcher Weise weite Kreise unseres Volkes, auch solche, die der Kirche nicht entfremdet sind, für die Bedeutung und den Segen des h. Abendmahles das Verständnis verloren haben. 

Ist es das Geheimnis des Sakraments, vor dem sich viele scheuen? Aber ohne Geheimnis ist nichts im Christentum, und nichts wäre irriger, als für die Würdigkeit zum Genuß ein besonders tiefes Eindringen der Erkenntnis in das Geheimnis für nötig zu halten, sondern wie wir aus unserm Katechismus wissen, der Glaube an diese Worte „für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden“, solcher Glaube, der aus einem demütigen, bußfertigen Herzen kommt, der macht recht würdig und wohlgeschickt. Oder wissen wir nicht mehr, daß dieses Mahl auch „Kommunion“, d. h. Gemeinschaft ist, die engste Gemeinschaft der christlichen Gemeinde, in der sie sich als eine große Familie darstellt? Freilich hier gerade kommt es uns am meisten zum Bewußtsein, wie wenig unsere großen Gemeinden dem Gemeinschaftsbilde entsprechen, wie es Christus haben will. Viel, vielleicht zu viel, weil sich dadurch die Abendmahlsgemeinden zersplittern, wird nach Leipziger Sitte Gelegenheit zur Feier des h. Abendmahles gegeben.

Besonders schmerzlich ist auch die Thatsache, daß Krankenkommunionen so selten begehrt sind. In vielen Fällen trägt die seltsame Scheu, als müsse man dann sterben, den Grund. Wer einmal die Feierstunde durchlebt hat, wenn um das Krankenlager die Angehörigen versammelt sind, wenn die Herzen sich über dem Ernst des vielleicht nahen Abschiedes erschließen, wenn aus der Scheidestunde des Herrn das große „für euch“ und aus dem Bewußtsein seiner heiligen Nähe Kraft und Trost für das eigene Scheiden uns versiegelt wird, der wird im eigenen Hause und im Kreise der Freunde und Bekannten davon zeugen und darauf hinwirken, daß unserer Kirche der Leidens- und Sterbetrost des Sakraments nicht mehr und mehr verloren gehe.

Vor 25 Jahren gehörte zu kirchlichem Leben vor allem Gottesdienst und Teilnahme an den kirchlichen Handlungen. Seitdem ist das Vereinswesen aufgeblüht und legt sich in mannigfaltigem Kranze um die Kirche herum.

Zuerst wurde am 13. Oktober 1886, am 50jährigen Gründungstage des ersten Diakonissenhauses zu Kaiserswerth der Verein für Gemeindepflege  gegründet, durch dessen Pflege in diesen 15 Jahren über 3500 kranke Personen hindurchgegangen sind. Die beiden Gemeindeschwestern, zunächst aus dem Dresdner, dann aus dem Leipziger Diakonissenhause, wohnten erst in dem gemeinsamen Diakonissenheim am Markt und haben jetzt ihre besondere Wohnung, Sophienplatz 8. Für die Gemeindepflege arbeitet ein parochialer Nähverein jeden Freitag im Gemeindesaale. Die Besuche und Nachtwachen der Schwester, die Gewährung von stärkender Kost durch Hunderte von Familien und von allerlei anderen Stärkungsmitteln, die Unterbringung von Erholungsbedürftigen, besonders auch Kindern in Bädern und Sommerfrischen, die mannigfachen Beziehungen, die dadurch zwischen den bemittelten und ärmeren Familien der Stadt geknüpft worden sind, das alles sind Dinge, die im Gemeindeleben gar nicht mehr entbehrt werden können.

An die Krankenpflege hat sich die Armenpflege angeschlossen, die in den 4 Seelsorgerbezirken mit Hilfe von Vertrauensmännern, an deren Spitze der Bezirksgeistliche steht, im vollen Einvernehmen mit der städtischen Armenpflege ausgeübt wird. Der Umstand, daß die letzten Jahre wirtschaftlich günstig gewesen sind, hat ihre Unentbehrlichkeit nicht so, wie es sonst wohl der Fall gewesen wäre, zum Bewußtsein gebracht, aber vielen Familien ist auch durch sie geholfen, viele Unwürdige und Minderbedürftige sind durch sie fern gehalten worden.

Am ersten Advent 1890 trat der Jünglingsverein ins Leben. Wie hat dieser in der ersten Zeit wandern müssen, durch die Gasthäuser und gemietete Räume, bis er neben anderen Vereinigungen im Gemeindesaale seine Heimat fand! Der Kirchenvorstand hatte das an das Pfarrhaus anstoßende Grundstück, Emilienstraße 10, gekauft, das nach wie vor als Mietshaus mit gutem Erfolg verwertet wird. Aber in dem Hofe und kleinen Gärten zwischen den beiden Häusern wurde der Gemeindesaal 1894 eingebaut. Die Gärten der Geistlichen, die, sonnenlos und ringsum von Häusern umgeben, wenig Wert hatten, wurden in einen Spielplatz verwandelt. 

Und seitdem hat sich der Jünglingsverein unter Leitung des Diakonus Eckhardt und Mithilfe aller Geistlichen kräftig zu etwa 100 Mitgliedern entwickelt. Allsonntäglich, aber auch in der Woche an etlichen Abenden, versammeln sie sich nicht ohne Gottes Wort zu Vorträgen, Unterhaltungen, Spielen, Turnen und Gesangsübungen, neuerdings besteht ein Posaunenchor, so daß für Jünglinge verschiedenster Berufskreise hier ein Mittelpunkt geselliger und sittlich religiöser Gemeinschaft vorhanden ist.

Neben dem Jünglingsverein giebt es auch einen Jungfrauenverein, der allsonntäglich um 4 Uhr ebenfalls in einer Abteilung des Gemeindesaales zusammenkommt. Möchten recht viele Jungfrauen, auch solche, die von auswärts stammten, hier sich vereinigen.

Als unsere Kirche gebaut wurde, wunderten sich viele über den Kapellenkranz um sie her. Er hat seinen guten Zweck. So wollen diese Vereinigungen, so sollten alle Häuser um die Kirche her einen Kranz von Kapellen bilden, in denen man dem Herrn dient. Aber mit tiefer Beschämung erkennen wir, wie viele den Mittelpunkt ihrer Gedanken ganz wo anders haben, wie aus vielen Familien, ja Häusern, Sonntag für Sonntag niemand zum Gottesdienste kommt, wie sich Unzählige damit begnügen, vielleicht bei besonderen Gelegenheiten die Teilnahme der Kirche in Anspruch zu nehmen, aber sonst nicht nach ihr fragen. Gewiß, das Wort Gottes und seine Diener haben mehr Freunde in dieser Gemeinde als viele ahnen. 

Diese 25 Jahre sind voll von Zeugnissen dessen. Nach Hunderten nicht nur, sondern nach Tausenden zählen die, die zu dem einen oder anderen Geistlichen in lebendiger Beziehung stehen, denen ihre Peterskirche trotz ihrer verhältnismäßigen Jugend ehrwürdig und teuer geworden ist. Die an ihr arbeiten, müssen bei dem Rückblick auf die längere oder kürzere Zeit ihrer Thätigkeit im Bewußtsein der eigenen Schwächen und Versäumnisse bezeugen: „Herr, wir sind viel zu geringe aller Barmherzigkeit und Treue, die du an deinen Knechten thust.“ Und doch wie bedrückend ist das Gefühl, unter Tausenden zu leben und zu arbeiten, die Glieder der Gemeinde heißen, ohne es zu sein. Möchte der Osterhauch neuen Lebens, von dem wir hören, daß er durch andere Länder geht, auch unser Volk erfassen! 

Wir suchen nach Wegen, an die, die uns fremd sind, in allen Berufskreisen, wahrhaftig nicht nur unter der Arbeiterbevölkerung, sondern auch unter den Reichen und unter denen, die sich gebildet nennen, heranzukommen. Jede Hand, die sich uns entgegenstreckt, soll uns willkommen sein. Aus den 25 Jahren, die hinter uns liegen, soll in ihren Straßen und Häusern, soll in aller Zukunft der Peterskirchgemeinde das Petruswort widerhallen: „Auch ihr, als die lebendigen Steine, bauet euch zum geistlichen Hause und zum heiligen Priestertum, zu opfern geistliche Opfer, die Gott angenehm sind durch Jesum Christum.“ (1. Petr. 2, 5.)

Wir bitten an diesem Markstein der Geschichte unserer Gemeinde alle ihre Glieder daran mit zu arbeiten in dieser ernsten, großen, schweren Zeit für deren Not und Aufgaben nur das Evangelium von Christo Hilfe bringen kann und wird. Das walte Gott.

Die Geistlichen und der Kirchenvorstand der Peterskirche.

Zum 25jährigen Bestehen der Peterskirchgemeinde in Leipzig am 1. Osterfeiertag 1901.

Ernst Bruno Hartung (Verf.)
Geistliche und Kirchenvorstand der Peterskirche Leipzig (Hrsg.)

1901
Druck von Bär & Hermann